Sonntag, 21. August 2016

Neuer Thriller: Leseprobe

Staub glänzte im grellen Licht des Strahlers, wirbelte umher, sank nieder und erhob sich wieder in kaum merklichen Luftzügen.
Das Licht beschien nur einen Ausschnitt der alten Lagerhalle, rings umher war nichts als Dunkelheit, so als blickte man auf eine kleine, beleuchtete Bühne.
Mitten auf dieser Bühne befand sich der Metallstuhl, an den Andreas Richter den Mörder seiner dreizehnjährigen Tochter gefesselt hatte.
Die Hand- und Fußgelenke des Schweins hatte er mit Kabelbindern fixiert, seine Augen mit einem weißen Leinentuch verbunden, und seinen Mund mit einem roten Ball aus Hartplastik geknebelt, den ein um den Hinterkopf führender Gummizug auf Spannung hielt.
 Torsten Zanders – den seine braunen Kameraden Pyro nannten, weil er in doppeltem Wortsinn gern mit dem Feuer spielte – zerrte an den Kabelbindern und schabte sich die Handgelenke blutig. Der Plastikball war so nass wie ein Hunde-Kauknochen und ließ nur erstickte Laute zu.
Umpf! Hmpf! Hnnf!
Unaufhörlich tönten diese Laute durch die Halle, seit Pyro – erheblich früher, als erwartet – aufgewacht war. Andi hatte geglaubt, die Wirkung der K.-o.-Tropfen würde mindestens eine halbe Stunde länger anhalten. Aber das spielte keine Rolle; der kleine Wichser war hier, und er war gefesselt. Jetzt gehörte er ihm.
Als Andi der Meinung war, dass er das Bürschchen lange genug hatte zappeln lassen, setzte er sich in Bewegung und erzeugte durch seine Schritte ein Klopfen auf dem staubigen Beton.
Der Gefesselte verstummte und drehte aufgeregt den Kopf hin und her.
Andi blieb vor dem schmächtigen Skinhead stehen und starrte auf seinen kahlen Schädel herab.
„Hallo, Torsten“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Oder soll ich dich, wie deine Nazi-Freunde, Pyro nennen?“
Pyro erstarrte und hielt vor Schreck die Luft an. Dann wand er sich wieder stöhnend auf dem Stuhl und zerrte an den Kabelbindern.
Ummpf! Hmmpf! Hnnnf!
Ruckartig riss Andi ihm die Binde von den Augen. Mit der Sturmhaube, die nur Löcher für Mund und Augen hatte, dem Rollkragenpullover, der Jeans und den Handschuhen – alles so schwarz wie die Nacht – musste Andi für ihn genau das Bild abgeben, das Pyro von seinem Entführer erwartet hatte. Mit schwerem Atem und bebenden Nasenflügeln erwiderte der junge Skin seinen Blick.
„Ich nehme dir jetzt den vollgesabberten Ball aus dem Mund“, sagte Andi leise, fast im Flüsterton. „Wenn du schreist, nützt dir das nichts. Niemand weiß, dass wir hier sind, und niemand kann dich hören. Nicht mal, wenn du in ein Megaphon brüllen würdest.“
Pyro hörte stumm und reglos zu. An seinem von Akne befallenen Gesicht rann Schweiß hinab, der auf sein fleckiges Unterhemd tropfte.
„Wenn du trotzdem schreist“, fuhr Andi fort. „werde ich dir wehtun.“ Er beugte sich so weit hinab, dass seine Sturmhaube beinah die schwitzige Nasenspitze des Skins berührte. „Hast du mich verstanden, du Stück Scheiße?“
Pyro nickte so stürmisch, dass Schweißperlen von seiner Stirn flogen, und stöhnte Mhh-hmm.
Andi stellte sich wieder aufrecht hin. „Gut. Dann wollen wir uns mal unterhalten.“
Er zog an dem Ball und ließ ihn mit einem feuchten Flopp über Pyros Lippen rutschen, der am nunmehr schlaffen Gummizug über dem mageren Brustkorb hängenblieb. Aus der Nase des gefesselten Skins lief Rotze, und ein Speichelfaden baumelte ihm vom Kinn.
„Scheiße, wer bist du?“, keuchte Pyro. „Wo bin ich? Was zur Hölle …“
Andi griff nach dem Ball, so blitzschnell wie eine Schlange nach einem Kaninchen schnappt, und stopfte ihn wieder in Pyros Mund.
Hnnnnff! Hmmmpff!
Andi presste den Zeigefinger auf die Lippen und machte „Schhht“, als wollte er einen Störenfried in der Bibliothek zum Schweigen bringen.
„Ich stelle hier die Fragen.“ Das sagte er ruhig, aber bestimmt, so wie ein Erwachsener einem Kind erklärt, dass es nicht mit Streichhölzern spielen darf. „Du hältst erst mal dein Maul, klar?“
Pyro stieß einen widerwilligen Seufzer aus und zerrte einen Moment lang an den Kabelbindern. Schließlich beruhigte er sich wieder und nickte.
„Also, gut. Hier kommt Versuch Nummer Zwei.“
Erneut zog Andi ihm den Plastikball aus dem Mund, und diesmal presste Pyro die Lippen zusammen, als müsste er dringend pinkeln.
„Na, also. Geht doch.“ Andi zeigte ihm ein aufrichtiges Lächeln. Dann machte er einen Schritt zur Seite, worauf der grelle Strahler mitten in Pyros Gesicht schien. Der Skin kniff stöhnend die Augen zu und drehte den Kopf weg.
„Oje, tut mir leid“, sagte Andi und hielt sich betroffen eine Hand vor den Mund. „Warte, das haben wir gleich.“
Andi drehte den Strahler ein gutes Stück nach links, sodass sich der Stuhl nur noch im Randbereich des Lichts befand. Stattdessen stand nun eine hölzerne Werkbank in voller Beleuchtung, auf der allerlei Werkzeug lag: Zangen, Hämmer, ein Schraubstock, ein Eimer voll Nägel, eine Bohrmaschine und eine elektrische Kreissäge. Lauter Gerätschaften, die sich nicht nur zum Bearbeiten von Holz und Metall eigneten, sondern auch zum Knochenbrechen, Abtrennen von Gliedmaßen und Zerquetschen von Fingern, Zehen und Hodensäcken.
Scheiße!“, stieß Pyro hervor, als er die potenziellen Folterinstrumente sah, und zog eine weinerliche Grimasse.
So gemächlich, als spazierte er im Park, begab Andi sich zur Werkbank und betrachtete mit verschränkten Armen die Werkzeugsammlung. Sein Blick blieb an einem riesigen Schraubenschlüssel der Marke Gedore hängen, ein wahres Monstrum aus schwerem Metall. Mit beiden Händen hob er ihn von der Werkbank und pfiff durch die Zähne. „Meine Güte, damit könnte man glatt einen Elefanten erschlagen, was?“
Schmunzelnd wandte Andi sich von der Werkbank ab und ging zu Pyro zurück, der aufgeregt mit den ledernen Kampfstiefeln – schwarze Ranger Boots mit weißen Schnürsenkeln – auf dem Boden scharrte und seinen Entführer mit versteinerter Miene beobachtete. Den grobschlächtigen Schraubenschlüssel hielt Andi in einer Hand und ließ die Gabel geräuschvoll über den Boden schleifen, wie ein Poltergeist, der eine schwere Kette hinter sich herzieht.
Vor dem Stuhl blieb Andi breitbeinig stehen, nahm den Schraubenschlüssel wieder in beide Hände und hielt ihn quer vor der Brust.
„Bitte …“, raunte Pyro mit zitternder Unterlippe. „Was … was soll … “
„Weißt du, was ich tragisch finde, Pyro?“ Andi stellte den Schraubenschlüssel mit einem metallenen Klonk senkrecht auf die Gabel, stützte sich mit der rechten Hand auf dem abgerundeten Ende ab und blickte auf die Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. „In weniger als zehn Minuten bricht das neue Jahrtausend an, und ausgerechnet du, der so ein Faible für Flammen und Explosionen hat, verpasst das große Feuerwerk.“
Pyro zog verwirrt die Stirn in Falten. „Was … Flammen und Explosionen … ich? Nein … wieso?
Andi grinste, aber es war kein humorvolles Grinsen. Es war das Zähnefletschen eines eingesperrten Raubtiers, das viel zu lange nicht gefüttert worden war. Bis vor kurzem hatte Andi nicht gewusst, dass er dieses mordlüsterne Grinsen beherrschte, und war vor seinem eigenen Spiegelbild zurückgeschreckt. Das war vor drei Tagen gewesen, als er den Plan gefasst hatte, diesen Hurensohn zu verschleppen und ihn für das, was er getan hatte, büßen zu lassen. Bei diesem teuflischen Grinsen zog seine Oberlippe sich ein Stück zurück und entblößte lediglich einen Teil der Schneidezähne und das darüber liegende Zahnfleisch. Ein echtes Hier-ist-Johnny-Grinsen, bei dem Jack Nicholson vor Neid erblasst wäre.
„Mh, komisch“, sagte Andi und drückte nachdenklich den Zeigefinger ans Kinn. „Deine Nazi-Freunde nennen dich doch Pyro, weil du schon als Kind Mülltonnen angezündet hast. Später waren es Tiere, nicht wahr? Mit vierzehn oder fünfzehn hast du angefangen, Hunde und Katzen mit Benzin zu überschütten und ein brennendes Streichholz auf sie zu werfen, um zu beobachten, wie sie in Flammen aufgehen und als lebendige Fackeln um ihr Leben rennen.“
Pyro war schon die ganze Zeit über blass gewesen, jetzt wurde er so bleich wie der Tod. Seine Augen wanderten rastlos zwischen Andis Sturmhaube und dem gewaltigen Schraubenschlüssel hin und her. „D-das … i-ich …“
„Deine Eltern wussten von deinen Brandstiftungen“, fuhr Andi fort. „Deine Geschwister wussten es, auch deine Schulkameraden. Jeder wusste Bescheid, was für ein krankes, kleines Arschloch du bist. Aber niemand hat dich angeschwärzt, weil sie Angst hatten, von dir flambiert zu werden.“
Pyro kniff die Augen zusammen und schüttelte wie ein widerspenstiges Kind den Kopf. Aus seiner Nase lief frischer Rotz, der ihm über die Lippen sickerte. 
„Mit der Zeit haben sich alle von dir abgewandt, stimmt’s, Pyro? Am Ende sogar deine Mutter, die von allen am längsten zu dir gehalten hat, vielleicht weil sie glaubte, es würde mit der Zeit besser mit dir werden.“ Andi zuckte mit den Schultern. „Aber das wurde es nicht. Du bist süchtig nach Brandstiftung, es gibt dir irgendeinen perversen Kick, nehme ich an.“
Andi beugte sich wieder zu ihm hinab, und diesmal waren seine Worte wirklich nur ein Raunen: „Wie fühlt sich das an, wenn du die Flammen züngeln siehst? Magst du den Geruch von Rauch und verbranntem Fleisch? Erregt dich vielleicht sogar der Anblick verkohlter Kadaver? Holst du dir auf verschmorte Hunde und Katzen einen runter?“
Pyro schüttelte immer noch den Kopf, aber tat es inzwischen halbherzig. Er schluckte schwer, und an seiner rechten Wange rollte eine Träne hinab.
„Die Einsamkeit hat dich fast in den Wahnsinn getrieben, hab ich recht? Wie oft hast du dich nachts in deiner kleinen, schäbigen Wohnung in den Schlaf geweint? Wie oft hast du wie ein kleines Mädchen geflennt, weil du allein warst und niemand dich geliebt hat? Hast wahrscheinlich sogar darüber nachgedacht, dich selbst abzufackeln, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten.“
Andi lächelte mitleidsvoll. „Die braunen Jungs kamen dir wie gerufen, oder? Sie waren die Einzigen, die dich nicht zurückgewiesen haben und bereit waren, dich in ihren Dunstkreis aufzunehmen.“ Andi zog die Augen zu Schlitzen. „Aber das musstest du dir verdienen. Tiere abzufackeln genügte nicht, um die Nazis zu beeindrucken. Vielleicht haben sie dir offen gesagt, was sie von dir erwarten, vielleicht haben sie es nur angedeutet. Jedenfalls wusstest du, was zu tun war: Du musstest einen Menschen in Brand stecken. Keinen arischen Mitbürger mit blonden Haaren und blauen Augen. Einen Dunkelhäutigen.“ Andi rückte noch näher an Pyro heran und flüsterte ihm scharf ins Ohr: „Einen Nigger.“
Der junge Skin riss die Augen auf und ließ die Kinnlade herabfallen. In seiner Miene stand der Schreck einer plötzlichen, furchtbaren Erkenntnis, als hätte er ein Paket mit einer tickenden Zeitbombe geöffnet, die nur noch zehn Sekunden bis zur Detonation anzeigte.
„D-du … b-bist …“
Andi griff mit beiden Händen ans untere Ende der Sturmhaube und zog sie sich langsam vom Kopf. Als Pyro das vertraute Gesicht sah, das ihm zuletzt vor einem Monat im Gerichtssaal begegnet war, schien er im Stuhl zu schrumpfen. Er krümmte sich zusammen und zitterte am ganzen Leib wie ein Köter, der die Prügel seines Lebens erwartete.
Andi zeigte ihm wieder sein breites Hier-ist-Johnny-Grinsen. „Freust du dich, mich wiederzusehen, Pyro?“
Der schmächtige Skin, der endlich begriffen hatte, worum es hier ging, brach in Tränen aus. „Nein, nein, nein … das war ich nicht … das schwöre ich!“ Seine Stimme klang wie das Quieken eines Mastschweins, das zur Schlachtbank gezerrt wird.
 „Ja, ich weiß“, sagte Andi und nickte. „Auf deine Unschuld hast du auch schon vor Gericht Stein und Bein geschworen. Und bist damit durchgekommen.“ Er biss so fest die Zähne aufeinander, dass ein trockenes Knirschen zu hören war. „Beim Schriftvergleich wurdest du eindeutig als der Schmierfink identifiziert, der eine Woche zuvor das Graffiti an die Grundschule meiner Tochter gesprüht hat!“ Andi packte Pyro an der Kehle. „Weißt du noch, was du in riesigen roten Buchstaben an die Mauer geschrieben hast? Erinnerst du dich, du mieser, kleiner Wichser?
Pyro verdrehte keuchend die Augen. Kurz bevor er schlapp machte, ließ Andi ihn los, worauf der Skin hustend nach Luft rang.
„‚Kanaken sollen brennen!‘“, sagte Andi und rümpfte die Nase, als sei ihm ein übler Gestank entgegengeschlagen. „Das war deine Botschaft.“
Er machte einen Schritt zurück und betrachtete abfällig das gefesselte Häufchen Elend. „‘Kanaken‘ hast du falsch geschrieben, aber das haben deine Nazi-Freunde bestimmt nicht bemerkt. Die meisten dieser Typen haben noch nie ein Buch gelesen und können kaum ihren eigenen Namen schreiben. Außerdem kam es nur auf die Botschaft an, und die hat diese rechtsradikalen Schwachköpfe sicher umgehauen.“
Andi verschränkte die Hände auf dem Rücken und stolzierte auf und ab wie ein Staatsanwalt beim Abschlussplädoyer.
„Aber das Graffiti allein reichte natürlich nicht“, fuhr er fort. „Das war nur ein Versprechen. Du musstest die Botschaft in die Tat umsetzen, damit sie dich aufnahmen, beschützten und vielleicht sogar verehrten.“ Er sah Pyro wieder an und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Genau das hast du eine Woche später getan, stimmt’s?“
„Nein, das war ich nicht, ehrlich …“ Pyro schüttelte so heftig den Kopf, dass seine Halswirbel knackten, und seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen.
„So hast du auch im Gerichtssaal rumgeheult“, sagte Andi und stieß ein knurrendes Lachen aus. „Der fette Richter hat dir kein Wort geglaubt, das war ihm deutlich anzusehen. Ebenso wenig der Staatsanwalt. Nicht mal dein Pflichtverteidiger hat dir dieses Theater abgekauft. Jeder wusste, dass du schuldig bist.“ Andi presste wieder nachdenklich den Zeigefinger ans Kinn. „Das Problem war, es gab nur Indizien, keine Beweise.“
Er blieb stehen und sah Pyro fest in die Augen. „In jener Nacht hab ich ihre Schreie gehört …“ Seine Stimme klang plötzlich wieder ruhig, einem Flüstern nah. „Als sie verbrannte, da hab ich sie schreien gehört … ich hab …“ Andi unterbrach sich und rang um Fassung. „Ich hab … die Hitze durch die geschlossene Tür gespürt … hab gerochen, wie sie verbrannte …“ Er zog die schwarzen Handschuhe aus und hielt Pyro die nackten Hände hin. Sie waren bis hinauf zum Ellbogen mit Brandnarben bedeckt. „Ich wollte sie retten … “
Ein Schauder glitt durch Andis Leib. Er rieb sich die Augen und richtete den Blick dann wieder auf Pyro. „Du warst es. Doch man hat dich laufen lassen.“ Andi schüttelte mit einem traurigen Grinsen den Kopf. „In dubio pro reo, so nennen das diese blasierten Robenträger.“
Pyro öffnete den Mund, um abermals seine Unschuld zu beteuern, doch schloss ihn wieder, als Andi den Schraubenschlüssel aufhob und ihn wie einen Baseballschläger in den Händen drehte.
„Weißt du, woran unsere Gesellschaft krankt, Pyro?“
Der Skin schüttelte beinah unmerklich den Kopf.
„An unserem milden Rechtssystem“, beantwortete Andi seine eigene Frage. „Ein echtes Problem, wenn du mich fragst.“
Er legte den Schraubenschlüssel über die Schulter wie ein Holzfäller seine Axt. „Du warst schon ein Brandstifter, als du noch in die Hose geschissen hast, und machst keinen Hehl daraus, dass du gern mal einen Menschen abfackeln würdest, der nicht der arischen Rasse angehört. Jemanden wie meine Tochter.“
Pyro senkte den Blick. „Das Graffiti war von mir …“, gestand er so kleinlaut wie vor zwei Monaten im Gerichtssaal, nachdem der forensische Beweis vorlag. „Aber … ich hätte doch nie wirklich …“
„Schon klar, du bist so unschuldig wie der Honigtopf einer Jungfrau“, unterbrach Andi sein Gestammel. „Das Graffiti war nur der Hilfeschrei eines verzweifelten Eigenbrötlers, wie dein Verteidiger es ausdrückte. Und deine Nazi-Freunde haben dir natürlich ein Alibi verschafft.“ Andi schüttelte mit einem wütenden Grinsen den Kopf. „Wer kann schon beweisen, dass du den Molotow-Cocktail geworfen hast?“ Andi ließ den Schraubenschlüssel sinken und zuckte mit den Schultern. „In dubio pro reo.
Pyros Gesicht entspannte sich, als schöpfte er plötzlich Hoffnung, doch noch lebend aus dieser Lagerhalle herauszukommen. Doch dann schrie Andi:
ICH SCHEISSE AUF IN DUBIO PRO REO!“
Vor Schreck kippte Pyro mit dem Stuhl nach hinten, als hätte die Schallwelle ihn umgehauen. Scheppernd schlug die metallene Rückenlehne auf dem Beton auf.
Andi warf einen zweiten Blick auf seine Armbanduhr. „Oh, kurz vor zwölf“, sagte er und verschwand für einen Augenblick in der Dunkelheit. Als er wieder ins Licht trat, hielt er statt des Schraubenschlüssels einen schwarzen Kanister in der Hand und zeigte Pyro wieder sein zähnefletschendes Hier-kommt-Johnny-Grinsen.
 „Was meinst du“, sagte er und schraubte den Deckel vom Kanister. „Wollen wir das neue Jahrtausend begrüßen und ein kleines Feuer anzünden?“
Pyro begriff und wand sich am Boden wie in einem epileptischen Anfall. „Oh, mein Gott, nein, nein, NEIN!
Andi stellte sich mit dem Kanister breitbeinig über ihn. „Weißt du, diese ganzen Werkzeuge da drüben …“ Er nickte zur Werkbank hinüber, ohne hinzusehen. „Die wollte ich eigentlich benutzen. Und zwar alle. Ich wollte dir mit einem Vorschlaghammer die Zehen zermalmen, einen Finger nach dem anderen absägen, mit einem Nagel die Augen ausstechen und zum krönenden Abschluss deine Eier im Schraubstock zerquetschen. Ehrlich, das war der Plan.“ Andi hielt inne und stieß einen langen Seufzer aus. „Aber dann dachte ich, meine Tochter hätte das nicht gewollt. Gina hat mir selten etwas vergeben. Aber sie hatte ein Gespür für das richtige Strafmaß, verstehst du?
Wenn ich sie zu spät von der Schule abgeholt habe, verlangte sie, dass ich ihr als Wiedergutmachung ein Eis kaufe. Hatte ich vergessen, ihre Lieblingssendung im Fernsehen aufzunehmen, dann musste ich ihr erlauben, am Wochenende bei ihrer besten Freundin zu übernachten. Einmal habe ich doch tatsächlich verschwitzt, sie vom Tennistraining abzuholen, und sie musste drei Kilometer weit durch den Regen nach Hause laufen.“ Andi biss sich auf die Unterlippe. „Das war übel. Als Entschädigung forderte sie einen Ausflug zum Phantasialand, und das war nur fair.“ Andi lächelte flüchtig. „Sie fand immer eine angemessene Bestrafung für meine Fehltritte. Und ehrlich gesagt, gefällt mir so eine ausgleichende Gerechtigkeit um Längen besser als blinde Vergebung. Es ist …“ Andi blickte zur Decke, als er nach dem richtigen Wort suchte. „… befriedigender.“
Dann sah er wieder zu Pyro herab, der seinen Blick mit starren Augen erwiderte, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. 
„Gina hätte nicht gewollt, dass ich dich zu Tode foltere“, sagte Andi. „Aber ausgleichende Gerechtigkeit hätte sie gut gefunden. Wenn ich dir dieselben Schmerzen zufüge, die du ihr zugefügt hast … dich auf dieselbe grauenvolle Weise umbringe wie du sie umgebracht hast …“ Andi schürzte die Lippen und nickte. „Ja, ich denke, damit wäre sie einverstanden gewesen.“
Andi kippte den Kanister.
„Nein, nein, nein, WARTE!“
Pyros Protest verwandelte sich in ein Gurgeln, als er das Benzin in den Mund bekam, das Andi über sein Gesicht schüttete. Der Skin kniff die Augen zu, würgte und spuckte. Andi ging einen Schritt zurück und tränkte Pyros Unterhemd und anschließend seine verblasste Blue Jeans mit Benzin. Ein beißender Geruch verbreitete sich in der Lagerhalle. 
Das kannst du nicht machen!“, schrie Pyro spuckend und mit zusammengekniffenen Augen. „Du bist Polizist! Ein verdammter BULLE!“
Andi ging anderthalb Meter auf Abstand und zog aus der Gesäßtasche das rote Zippo, das er zuvor in Pyros grauer Bomberjacke gefunden hatte. Zweifellos sein Juwel, mit dem er auch den Molotow-Cocktail entzündet hatte.
„Bulle war ich mal“, sagte Andi. „Jetzt bin ich ein Brandstifter, so wie du. Aber weißt du, was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Andi hob die Augenbrauen. „Ich stehe zu meiner Schuld.“
Pyro fauchte und warf den Kopf hin und her, als hätte er einen schrecklichen Albtraum.
Das ist kein Traum, Kumpel, dachte Andi, schnippte mit dem Daumen die Feuerzeugklappe auf und entzündete mit dem Reibrad die Flamme. Das hier passiert wirklich.
Ein erneuter Blick auf die Armbanduhr verriet ihm, dass es Punkt Mitternacht war.
„Zeit für das Millennium-Feuerwerk!“, rief er feierlich. „Frohes neues Jahrtausend!“
Ein letztes Mal verzog Andi das Gesicht zum hässlichsten Hier-kommt-Johnny-Grinsen, das er zustande brachte, und warf das brennende Zippo auf den gefesselten, kleinen Bastard.
Als die Flamme das Benzin berührte, gab es eine gewaltige Stichflamme – Fummm –, die fast bis zur Decke reichte.
Pyro ging so lichterloh in Flammen auf wie trockener Zunder und wand sich als lebendige Fackel kreischend auf dem Stuhl. Wenige Augenblicke später mischte sich in den Benzingeruch der Gestank verkohlten Fleisches, als hätte jemand ein Dutzend Steaks anbrennen lassen. Der Gestank trieb Andi Tränen in die Augen.
Schmore, du Dreckschwein!
Die Tränen kamen hervor und liefen an Andis Wangen hinab, während Pyros Geschrei allmählich nachließ und kurz darauf verstummte.

Schmore und fahr zur Hölle!

Sonntag, 27. September 2015

Das Opfermesser - Leseprobe




Das Opfermesser – Leseprobe
Die Sonne blitzte durch die Zweige der Fichten, die am Passat vorbeirauschten und immer dichter zusammenrückten. Die Stadt lag seit einer guten Stunde hinter ihnen, und der Wald baute sich als östlicher Ausläufer des Gebirges am Straßenrand auf.
In dieser abgeschiedenen Gegend gab es nur wenige Häuser, zumeist mit langen Einfahrten für einen möglichst großen Abstand vom Durchgangsverkehr. Auf manchen Hinterhöfen standen Scheunen mit maroden Dachziegeln und Backsteinwänden, durch die sich lange Risse zogen. Obwohl Donnerstag war, stand der Betrieb überall still. Weit und breit war niemand zu sehen, nur ein paar Tiere streiften verloren durch die Gegend.
Einmal flitzte vor ihnen ein Feldhase über die Straße, der nur knapp der Motorhaube entging. Etwas später humpelte ein Foxterrier mit schwarzweißem Fell und heraushängender Zunge die Standspur entlang. Das Tier war alt, wie das struppige Fell verriet, und offenbar verletzt. Es wirkte verloren und wechselte mehrfach die Richtung, als suche es sein Herrchen. Aber Herrchen würde sich wohl nicht mehr blicken lassen – Tierärzte stellten unangenehm hohe Rechnungen.
Lukas starrte aus dem Seitenfenster und beobachtete das Sonnenlicht, das sich allmählich über die Wipfel erhob. Ihm gefiel dieser abgelegene Ort, der seinem inneren Wesen entsprach. Er saß hinter seinem Vater, der den Wagen im Tempomat über die Landstraße gleiten ließ und im Takt von Sun goes down nickte, das übersteuert aus den Boxen dröhnte. Die meisten Neunjährigen standen auf Popmusik, die aus stumpfsinnigen Texten und höchstens vier Akkorden bestand. Für Lukas war sie nur ein Hintergrundrauschen, das er kaum wahrnahm.
Auf dem Beifahrersitz saß Jasmin, Lukas’ Stiefmutter in spe. Sie zwirbelte mit dem Zeigefinger Locken in ihr langes, blondes Haar und war in ein Taschenbuch mit pinkfarbenem Umschlag vertieft. Lukas konnte den Titel nicht erkennen, vermutete aber, dass es sich um eine Liebesschnulze handelte.
Würde zu der dummen Kuh passen, dachte Lukas.
Er beobachtete sie düster und knirschte mit den Zähnen, wie er es oft auch im Schlaf tat. Einen Termin für die Hochzeit gab es noch nicht, aber die Vorbereitungen waren im Gange, und Lukas konnte nichts anderes tun, als seinen Widerwillen durch Schweigen auszudrücken. Das hielt er schon seit einer ganzen Weile durch; der Junge hatte auf der knapp dreistündigen Fahrt noch kein Wort gesprochen.
Neben ihm auf der Rückbank stand eine Plastikbox. Durch die Gitter starrte Bella ihn mit strahlend grünen Augen an, aufmerksam und erwartungsvoll, als erhoffe sie sich von Lukas etwas zu fressen. Bella war Jasmins Perserkatze, von der sie sich keine drei Tage trennen konnte. Das Tier hatte dichtes, schneeweißes Fell und war handzahm, da es seit Jahren ein Luxusleben führte.
Lukas betrachtete die Katze abfällig und erfreute sich an ihrer Gefangenschaft. Er stellte sich vor, das verwöhnte Vieh in ein Erdloch zu werfen und zuzuschaufeln. Ein Gedanke, der ein seltenes Lächeln auf sein Gesicht zauberte.
Lukas nahm den Strohhalm aus der Wasserflasche, die er vor sich in die Sitztasche geklemmt hatte, und steckte ihn durch das Gitter. Bella hielt sich misstrauisch zurück, bis die Neugier siegte und sie den Kopf hervorstreckte, um an dem fremden Gegenstand zu schnuppern. Der Junge zielte auf das rechte Auge der Perserkatze und stach zu. Kreischend wich Bella zurück und verkroch sich in die hintere Ecke der Box wie ein Igel. Er hatte das Auge verfehlt und nur die Schnauze getroffen – ärgerlich!
Jasmin fuhr herum und warf dem Jungen einen entrüsteten Blick zu. Dann wandte sie sich an ihren Verlobten. „Sag ihm bitte, er soll das lassen, Carsten!“
Lukas wich dem Blick seines Vaters aus, der ihn im Rückspiegel ansah und das Radio leiser drehte. „Was treibst du da hinten, Kumpel? Wir sind gleich da, also benimm dich, okay?“
Lukas schwieg und starrte wieder aus dem Fenster.
„Er hat nur Langeweile“, hörte er seinen Vater sagen.
„Das geht aber nicht!“, entgegnete Jasmin.
Lukas sah das anders. Er war der Meinung, es ginge noch viel mehr.



Nach einer Weile bogen sie von der Landstraße auf einen Schotterweg ab, der in den Fichtenwald führte. Auf einem verrosteten Schild stand: Willkommen im Ferienpark Culter.
Der Schotter knirschte unter den Reifen und prasselte gegen den Wagenboden. Der Passat wirbelte eine Staubschicht auf, die den Weg in eine pulvrige Nebelbank hüllte. Sie fuhren kilometerweit in den Wald und ließen beinah jede Spur von Zivilisation hinter sich. Irgendwann krachte der Radiosender und fiel kurz darauf aus. Carsten drückte auf dem Lenkrad den Knopf für die Stummschaltung.
Auf der Strecke begegnete ihnen kein anderes Fahrzeug, ebenso wenig Fahrradfahrer oder Fußgänger, als wären sie die einzigen Besucher. Irgendwann gelangten sie an eine geschlossene Schranke, neben der sich ein Häuschen mit kleinem Fenster befand. Ein uniformierter Wärter trat auffallend langsam heraus, als wäre er gerade aus einem Nickerchen erwacht. Er schlurfte um den Wagen zur Fahrerseite und bedeutete Lukas’ Vater mit einer flüchtigen Handbewegung, das Fenster herunterzulassen.
„Guten Morgen“, sagte Carsten.
Der Wärter beugte sich nach vorn und begutachtete das Wageninnere wie ein amerikanischer Drogencop an der Grenze zu Mexiko. Carsten bemerkte eine hässliche Schuppenflechte am Hals des Mannes und rümpfte die Nase, als würde ihm ein übler Geruch entgegenschlagen. Gerade noch rechtzeitig, ehe der Wärter ihn wieder ansah, wischte er den Ausdruck des Ekels vom Gesicht.
„Guten Morgen. Ihre Personalausweise und die Buchungsbestätigung, bitte.“
Carsten wunderte sich über die unfreundliche Art des Wärters, doch er reichte ihm wortlos die verlangten Dokumente. Der Mann nahm sie entgegen und studierte sie eingehend. Dann lehnte er sich wieder vor und betrachtete Jasmin und Lukas, um ihre Gesichter mit den Lichtbildern auf den Ausweisen abzugleichen. Endlich nickte er und gab Carsten die Papiere zurück. „Einen Augenblick, bitte.“
Der Wärter schlenderte zum Häuschen, in dem er minutenlang verschwand. Dann kam er mit einem weißen Umschlag heraus und trat wieder an das Fenster der Fahrerseite.
„Ihr Schlüssel und eine Karte des Parkgebiets“, sagte er und drückte Carsten den Umschlag in die Hand. „Nach circa drei Kilometern sehen Sie das Ferienhaus auf der linken Seite. Nummer 19. Auf der Karte sind alle sehenswerten Punkte verzeichnet. Bleiben Sie im Wald immer auf den Pfaden, okay? Dort gibt es an jeder Gabelung nummerierte Hinweisschilder, die Sie auf der Karte wiederfinden. Handys und Navis sind nutzlos. Hier im Wald gibt es so wenig Empfang wie am Nordpol.“
Lukas zog sein Smartphone aus der Tasche und sah auf das Display. Tatsächlich – kein Netz. Schnaufend steckte er das Gerät wieder weg.
„Bei Fragen oder Problemen wenden Sie sich bitte an das Touristenbüro“, fuhr der Wärter fort. „Finden Sie ebenfalls auf der Karte. Schönen Aufenthalt.“
Der Mann wandte sich ab und schlurfte wieder um den Wagen. Vor dem Kühlergrill blieb er noch einmal stehen, zog eine vorsintflutliche Polaroidkamera aus der Tasche und schoss ein Foto von den Ankommenden. Carsten und Jasmin wechselten einen irritierten Blick.
„Ein Erinnerungsfoto, das Sie am Sonntag vor Ihrer Abfahrt im Touristenbüro erwerben können“, erklärte der Wärter. Er zog das Bild aus der Kamera, betrachtete es mit prüfendem Blick und lächelte erstmals.
„Passen Sie auf Ihre Katze auf“, mahnte er und deutete auf die Rückbank, wo Bella mit großen Augen durch die Plastikstäbe starrte.
Jasmin zog die Brauen hoch. „Warum denn?“
Der Mann ließ nachdenklich den Blick über die Fichten schweifen und schirmte mit einer Hand die Augen vor der Sonne ab, die inzwischen die Wipfel überragte.
„Der Wald erstreckt sich nach Westen, Norden und Osten über eine Fläche von mehr als 250 Quadratkilometern“, sagte er. „Ein ausgerissenes Haustier taucht in der Regel nicht mehr auf. Ist hier schon öfter vorgekommen.“ Er sah Jasmin direkt in die Augen. „Auch für Menschen kann der Wald gefährlich werden, wenn sie die Pfade verlassen. Aber so leichtsinnig sind Sie sicher nicht.“ Der Wärter setzte ein höfliches Lächeln auf. „Schönen Aufenthalt.“
Dann setzte er seinen Weg fort und verschwand ohne ein weiteres Wort im Häuschen. Jasmin sah beunruhigt ihren Verlobten an, der wütend den Kopf schüttelte. „Arschgesicht.“
„Schatz!“ Jasmin schielte in den Rückspiegel zu Lukas, doch der Junge hatte das Schimpfwort anscheinend überhört. Grinsend starrte er auf die Perserkatze und richtete den Blick dann mit leuchtenden Augen auf die Fichten.



Der Schotterweg wurde sandiger und schmaler. Eine dunkle Wolke schob sich vor die Sonne und brachte leichten Regen.
„Ist bestimmt nur ein Schauer“, sagte Carsten und aktivierte die Scheibenwischer. „Fürs Wochenende haben sie gutes Wetter gemeldet.“
Jasmin schaute lächelnd über die Schulter. „Davon lassen wir uns nicht die Laune verderben. Oder, Lukas?“
Der Junge erwiderte nichts und starrte mürrisch aus dem Fenster, so wie er es fast die ganze Fahrt lang getan hatte.
Dem ist echt nicht zu helfen, dachte Jasmin.
Bald erschienen links und rechts des Weges gerodete, grasbewachsene Flächen, auf denen je ein Ferienhaus errichtet war. Sie sahen genauso aus wie auf den vielversprechenden Bildern im Internet und glichen einander wie Massenware vom Band.
Die Häuser waren aus hellem Eichenholz im skandinavischen Stil erbaut und hatten ein Spitzdach mit roten Dachziegeln. Die zweistöckige Fassade war dem Weg zugewandt. Auf der Tür stand in großen, weißen Zahlen die Hausnummer, und rechts davon befand sich ein breites Fenster, durch das man ins untere Schlafzimmer blicken konnte. Oben war ein kleiner Balkon mit hölzerner Brüstung.
„Wie schön!“, sagte Jasmin beim Anblick der vorbeiziehenden Häuser.
„Ja, hier lässt es sich aushalten.“ Carsten sah schmunzelnd in den Rückspiegel. „Halt die Augen auf, Kumpel. Wir haben die 19.“
Wenig später setzte Carsten den Blinker, obwohl nach wie vor kein anderes Fahrzeug zu sehen war, und parkte rückwärts vor der Haustür.
„Endstation – alles aussteigen, bitte!“, rief er im Tonfall eines Zugführers.
Jasmin tat es lachend, doch Lukas rührte sich nicht und starrte weiterhin aus dem Fenster. Sein Vater öffnete ihm. „Na los, Kleiner. Schauen wir uns mal im Haus um. Ausladen können wir später.“
Lukas gehorchte, ohne seinen Vater anzusehen.
„Bella nehme ich aber schon mal mit“, sagte Jasmin. Sie hob die Plastikbox vom Rücksitz und betrachtete ihre Katze liebevoll. „Na, hast du die Fahrt gut überstanden, mein Schatz?“
Lukas verdrehte die Augen.
Am liebsten hätte sie Bella sofort befreit, doch Jasmin erinnerte sich an die Warnung des Wärters und wollte den Käfig deshalb erst im Haus öffnen.
Carsten zog den Schlüssel aus dem Umschlag, öffnete die Tür und ging voran in ein gemütliches, holzverschaltes Wohnzimmer. In der Mitte des Raums befanden sich eine L-förmige Stoffcouch und ein Sessel vor einem Mahagonitisch. Die Längsseite der Couch blickte auf einen Schubladenschrank, auf dem ein uralter Röhrenfernseher stand.
Vorn führte eine Tür ins untere Schlafzimmer, das auf den Schotterweg schaute. Die spartanische Einrichtung bestand aus einem schmalen Bett, einer Kommode, auf der eine Lampe verschraubt war, und einem zweiflügligen Kleiderschrank.
Carsten sah seinen Sohn an. „Hier übernachtest du, okay, Kumpel?“
Lukas nickte gleichgültig.
Neben dem Schlafzimmer war ein Bad mit Toilette, Dusche und einem kleinen Spiegelschrank über einem Waschbecken. Ein rosafarbener Läufer erstreckte sich über helle Fliesen.
Hinten nahm eine Schiebetür fast die gesamte Wand des Wohnzimmers ein. Da die Regenwolke sich schon wieder verzogen hatte, strömte gleißendes Licht durch die Scheibe.
Links neben der Schiebetür führte ein offener Durchgang in eine Küche mit Blick auf den Waldrand. Gegenüber dem breiten Fenster war ein Essbereich mit einem Tisch und vier Stühlen.
„Hier können wir uns heute Abend etwas Leckeres brutzeln“, bemerkte Jasmin lächelnd.
Rechts neben der Schiebetür führte eine steile Holztreppe hinauf ins Obergeschoss. Während Carsten und Lukas sich noch in der Küche umsahen, stellte Jasmin die Plastikbox am Fuß der Treppe ab und ließ Bella frei, die sofort die fremde Umgebung erkundete. Neugierig stieg Jasmin die schmalen Stufen hinauf – dann stieß sie einen Schrei aus.
Carsten rannte aus der Küche und stürmte mit polternden Schritten die Treppe hinauf.
„Schatz, was ist los?“
Oben gelangte man in ein zweites Schlafzimmer, das auf den Balkon hinausführte. Nebenan gab es ein kleines WC mit Waschbecken, in dessen Tür Jasmin stand. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie auf den gefliesten Boden unter dem Abflussrohr und hielt sich eine Hand vor den Mund. Carsten blickte über ihre Schulter und entdeckte unter dem Waschbecken einen fetten, dunkelgrünen Frosch, der aufgeregt die Backen blähte.
Carsten lachte. „Wo kommt der denn her?“
Jasmin atmete stoßweise und ließ die Hand auf die hastig arbeitende Brust sinken. „Keine Ahnung. Jedenfalls hat er mich fast zu Tode erschreckt.“
Carsten drängte sich grinsend an ihr vorbei und ging in die Hocke.
„Willst du den etwa anfassen?“
„Ist nur ein Frosch, Schatz.“
Jasmin verzog das Gesicht. „Wie eklig!“
Carsten bildete mit den Händen eine Höhle und nahm den Frosch behutsam auf. Dann verließ er das WC und ging langsam die Treppe hinab. Lukas erwartete ihn unten und war enttäuscht, dass Jasmin offenbar nichts zugestoßen war. Doch die Enttäuschung wich der Neugier, was sein Vater wohl mit solcher Vorsicht nach unten trug.
„Oben hat sich ein Frosch versteckt“, sagte Carsten mit einem ungläubigen Lächeln und wollte die Schiebetür öffnen, um das Tier draußen im Gras auszusetzen. Doch er hielt inne, als er Lukas’ flehenden Blick sah.
„Können wir ihn nicht …“
„Nein, Lukas. Er kommt nach draußen. Ein Frosch hat im Haus nichts zu suchen.“
Der Junge legte den Kopf schief, wölbte die Unterlippe und bedachte seinen Vater mit einem herzerweichenden Dackelblick. Carsten schloss die Augen und seufzte.
„Aber nur bis morgen“, flüsterte er. „Und sag es bloß nicht Jasmin.“
Lukas strahlte vor Freude. „Cool!“
Carsten ging in die Küche, füllte einen Kochtopf zur Hälfte mit kaltem Wasser und ließ den Frosch hineingleiten. Dann legte er ein Schneidbrett schräg hinein, über das der Frosch über den Wasserspiegel klettern konnte, und bedeckte den Topf mit einem Spültuch. Lukas griff nach dem Topf, doch sein Vater hielt ihn noch fest.
„Er bleibt bei dir im Schlafzimmer, versprochen?“
„Versprochen.“
„Und nur bis morgen, Lukas.“
„Ganz bestimmt.“
Carsten sah ihn noch einen Moment lang streng an, ehe er den Topf losließ. Lukas nahm ihn dankbar entgegen und zog das Spültuch ein Stück beiseite. Der Frosch hockte auf dem Brett, starrte ihn mit großen Knopfaugen an und blähte die Backen. Lukas grinste, trug den Topf ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu.
Carsten schürzte die Lippen. Er wusste, was geschah, wenn der Junge seinen Willen nicht bekam, und wollte so kurz nach der Ankunft keinen Streit.
Jasmin kam lächelnd die Treppe herunter. Augenscheinlich hatte sie den Schreck überwunden.
„Vom Balkon hat man eine hübsche Aussicht auf den gegenüberliegenden Waldrand“, sagte sie und schmiegte sich an ihren Verlobten, der sie am Fuß der Treppe mit offenen Armen empfing. Bella, die ihren Rundgang beendet hatte, schlich schnurrend um ihre Beine.
„Kannst du es hier bis Sonntag aushalten?“, fragte Carsten.
Jasmin grinste. „Nur wenn keine weiteren Frösche auftauchen.“
Carsten lachte und küsste sie, was er vorzugsweise in Lukas’ Abwesenheit tat. Natürlich konnte das kein dauerhafter Zustand sein, aber der Junge brauchte noch Zeit.
„Wollen wir schnell die Sachen aus dem Wagen holen?“
Jasmin nickte. „Wo ist denn Lukas?“
„Im Schlafzimmer.“
„Hat er sich hingelegt?“
Carsten zögerte. „Nein, er … spielt auf seinem Smartphone Froggy Jump.“



Als Lukas aus dem Schlafzimmerfenster sah und bemerkte, dass sein Vater und Jasmin das Auto entluden, half er unaufgefordert mit. Er war seinem Vater sehr dankbar, dass er den Frosch bis morgen behalten durfte, und wollte sich deshalb benehmen.
Sie holten die Koffer ins Haus und räumten die Tüten und Taschen voller Lebensmittel in die Küchenschränke und in den Kühlschrank ein. Anschließend ließ Carsten die Schiebetür ein Stück zur Seite gleiten. Draußen befand sich eine gepflasterte Terrasse mit vier Stühlen und einem Tisch aus grünem Plastik. Carsten trat hinaus, sog die frische Waldluft ein und stieß sie schnaufend wieder aus. „Herrlich.“
Jasmin folgte ihm nach draußen und legte von hinten ihre Arme um ihn. Gemeinsam blickten sie über das grasbewachsene Gelände jenseits der Terrasse und betrachteten die hohen Fichten, die unweit vor ihnen aufragten.
„Ich hab vorhin schon einen Blick auf die Karte geworfen“, sagte Carsten. „Nicht weit von hier fließt ein Bach, der als sehenswerter Punkt markiert ist. Wollen wir ihn uns mal anschauen?“
Jasmin lächelte. „Unbedingt!“
Carsten wandte sich zum Haus. „Lukas, Schuhe und Jacke anziehen! Wir wollen ein Stück durch den Wald spazieren!“
Der Junge hatte sich nach dem Ausladen des Wagens wieder ins Schlafzimmer begeben und streichelte mit dem Zeigefinger sanft den Frosch. Er mochte dessen feuchte, glitschige Haut und die Art, wie er die Backen blähte. Als er die Stimme seines Vaters hörte, wischte er sich die Hand an der Hose ab und zog das Spültuch wieder über den Topf.
„Komme sofort!“
Lukas zog seine Jacke an, schlüpfte in die Schuhe und trat hinaus an die Seite seines Vaters. Carsten war erleichtert, dass sein Sohn ohne Wiederworte gehorchte, und zog die Schiebetür zu.
„Wollen wir nicht abschließen?“, fragte Jasmin.
Carsten schüttelte den Kopf. „Wir bleiben nicht lange weg. Außerdem haben wir anscheinend keine Nachbarn.“
Jasmin war einverstanden, und so näherten sie sich gemeinsam den Fichten, die sich im leichten Wind bewegten. Der Himmel war nun beinah wolkenlos, und die Sonne näherte sich als gleißender Ball dem Zenit. Vor dem schmalen Pfad, der in den Wald führte, befand sich ein Schild mit der Aufschrift: Lasst dem Jungwild seine Ruh´!
Lukas fragte sich, welche wilden Tiere wohl in diesem Wald hausten, und dachte an Werwölfe, Kobolde und andere Ungeheuer. Er fühlte sich plötzlich unwohl und spürte einen kalten Luftzug, der aus dem Wald wehte. Gänsehaut breitete sich auf seinen Armen aus. Er nahm die Hand seines Vaters und schmiegte sich an ihn. Carsten sah seinen Sohn überrascht an, von dem er ein solches Verhalten nicht gewohnt war.
„Alles klar, Großer?“
Der Junge nickte, auch wenn sein blasses Gesicht etwas anderes verriet. Carsten glaubte, dass ein solcher Fichtenwald ein Stadtkind wie ihn wohl einschüchterte, und dachte sich nichts weiter dabei.
Sie folgten dem Pfad und fanden sich bald in allen Richtungen von endlosen Baumreihen umschlossen. Nach dem Regenschauer war die Luft kühl und trug das duftende Aroma feuchter Erde und süßen Harzes. Tropfen hingen von den Fichtennadeln, die in der Sonne glitzerten und mit einem leisen Plopp zu Boden fielen. Die Erde war aufgeweicht und schmatzte unter ihren Schritten. Stille lag über dem Wald; trotz des fortgeschrittenen Frühlings war nicht einmal Vogelgezwitscher zu hören. Breite Äste warfen einen dunklen Schatten auf den Pfad. Je weiter sie gingen, desto deutlicher spürten sie die Kälte.
Lukas glaubte anfangs, er bilde sich den Temperatursturz bloß ein, doch sah nun, dass sein Vater und Jasmin ebenfalls froren. Ihre Mienen waren angespannt, als würden sie gegen eine steife Brise angehen, und sie rieben sich unentwegt die Arme.
Nach einer Weile blieb Carsten stehen und entfaltete die Karte. Mit dem Zeigefinger verfolgte er den eingezeichneten Weg, der in einigen Windungen zum Bach führte. Das Gewässer konnte nicht mehr fern sein – und tatsächlich vernahmen sie nach kurzer Zeit ein Rauschen.
Carsten hielt eine Hand hinters Ohr wie ein Indianer, der nach Pferdegalopp horcht. „Hört ihr das?“
Jasmin nickte erleichtert, als hätten sie den Ausgang eines Labyrinths entdeckt. Auch Lukas schaute lächelnd nach vorn, als er das rauschende Wasser hörte. Vorfreude verdrängte sein Unbehagen. Sie gingen weiter und erkannten bald zwischen Baumstämmen und Gesträuch den Bach, auf dem das Sonnenlicht zuckte. Zum ersten Mal, seit sie in den Wald gegangen waren, ließ Lukas die Hand seines Vaters los und lief schmunzelnd voran.
„Nicht so schnell!“, rief Carsten.
„Lass ihn doch.“ Jasmin hakte sich bei ihm ein. „Er lächelt so selten.“
Carsten nickte, behielt seinen Sohn jedoch aufmerksam im Blick. Als sie ihn einholten, stand er am Ufer und blickte verträumt ins klare, fließende Wasser. Er kniete nieder, steckte die rechte Hand in den Bach und zog sie fröstelnd zurück.
Sein Vater lachte. „Ganz schön kalt, was?“
Lukas drehte sich grinsend zu ihm um und zeigte auf einen großen Felsen, der in der Nähe aus dem Bach ragte. „Darf ich mal dahin?“
„Aber wehe, du kletterst da rauf!“
„Mach ich nicht“, versprach Lukas und lief los.
Jasmin sah dem Jungen wehmütig nach. „Er hasst mich, oder?“
„Nein, es ist nur … schwer für ihn. Gib ihm noch etwas Zeit.“
„Er vermisst sie jeden Tag.“ Jasmin sah ihren Verlobten mit einem gezwungenen Lächeln an. „Du auch, stimmt’s?“
Carsten presste die Lippen zusammen. „Sie hätte nicht gewollt, dass ich mein Leben lang um sie trauere. Du bist jetzt mein Leben. Ich liebe dich. Und ich will dich heiraten.“ Er küsste ihre Stirn und nahm sie in den Arm.
Jasmin wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und drückte sich an ihn.



Der Bach war so klar, dass Lukas auf dem Grund jeden einzelnen Stein erkannte.
Plötzlich entdeckte er eine große, schwarzbraune Forelle, die sich vom Strom treiben ließ. Lukas behielt sie im Blick und folgte ihr stromabwärts. Er lief um den Felsen herum und verschwand, ohne es zu merken, aus dem Blickfeld der Erwachsenen.
Kurz darauf verlor Lukas den Fisch aus den Augen, und auch die Begeisterung über das rauschende Gewässer ließ allmählich nach. Gerade wollte der Junge umkehren, als er im Wasser etwas silbern Schimmerndes bemerkte, das seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog.
Es steckte in der Bachmitte zwischen zwei Steinen fest und funkelte im Sonnenlicht wie ein Diamant. Lukas lehnte sich am Ufer möglichst weit nach vorn, um den rätselhaften Gegenstand besser betrachten zu können. Er war schmal, länglich und leicht gebogen. Seine Form waberte im fließenden Wasser wie über heißer Flamme.
Die Neugier packte den Jungen mit ganzer Kraft. Er blickte auf zwei große Steine, die hintereinander aus dem Wasser ragten und einen gangbaren Weg zum versunken Schatz boten.
Lukas nahm Anlauf, sprang auf den ersten Stein und fand mit rudernden Armen Gleichgewicht. Aus dem Stand hüpfte er auf den zweiten, fiel beinah vornüber, doch kam schließlich auch dort in die Balance. Das silbrige Etwas befand sich nun direkt vor ihm auf dem Grund. Lukas musterte es mit gläsernen Augen – auf sonderbare Weise zog es ihn an.
Ihm war, als würde der Gegenstand nach ihm rufen. Es klang wie das Zischeln einer Schlange. Es betörte ihn und trübte seine Sinne. Mit ausdrucksloser Miene kniete Lukas nieder und griff ins Wasser. Die Kälte des Bachs spürte er nicht, nur jene fremde Kälte, die ihn erstmals am Waldrand ergriffen hatte. Sie setzte sich in ihm fest und umnebelte seinen Verstand.
Lukas schloss seine Hand um den glänzenden Gegenstand und zuckte wie bei einem elektrischen Schlag. Schmerzhaft drang etwas in ihn ein, als würde sich ein Parasit in seine Haut graben. Er zog vor Schreck die Luft ein und wollte die Hand zurückziehen, doch er konnte es nicht. Lukas wollte schreien, aber auch das gelang ihm nicht. Seine Augen waren aufgerissen, und sein Mund stand offen, doch er brachte keinen Ton heraus.
Das Zischeln schwoll an und entwickelte sich zu einer tiefen Stimme, die zu ihm sprach. Lukas war wie gelähmt. Seine Kehle schnürte sich zu, und sein Magen zog sich zusammen. Anstatt sich von dem Ding loszureißen, hielt er es krampfhaft fest.
Nein, es hält sich an mir fest!
Das war sein letzter Gedanke, ehe er die Augen verdrehte und in Ohnmacht fiel.



„Und du liebst mich auch noch, wenn ich alt und faltig bin?“, fragte Carsten. „Und einen Schmerbauch vor mir hertrage, als hätte ich einen Medizinball verschluckt?“
Jasmin hielt sich kichernd eine Hand vor den Mund. „Gegen das Alter und die Falten ist ja nichts zu machen“, erwiderte sie. „Aber der Schmerbauch muss nicht sein, oder?“
Sie lachten und liebkosten einander. Dann blickte Carsten über Jasmins Schulter. „Wo ist eigentlich Lukas geblieben?“
Sie drehte sich um und sah ihn auch nicht. „Hat er nicht gerade noch da hinten am Felsen gespielt?“
Carsten machte ein ernstes Gesicht und löste sich von seiner Verlobten. Er lief zu dem großen Felsen und blickte aufgeregt nach links und rechts wie eine Eule auf Beutesuche. „Lukas? Lukas?
Jasmin lief ihm hinterher und rief ebenfalls nach dem Jungen. Carsten verschwand hinter dem Felsen aus ihrem Blickfeld. Für einen kurzen Moment war Stille – dann schrie Carsten den Namen seines Sohnes mit solchem Entsetzen, dass Jasmin das Blut in den Adern gefror.
Sie rannte um den Felsen herum und sah, wie ihr Verlobter durchs seichte Wasser watete. Lukas lag bäuchlings auf einem großen Stein, der mitten aus dem Bach ragte. Seine Beine und sein Kopf hingen leblos im Wasser. Carsten erreichte seinen Sohn, drehte ihn auf den Rücken und hielt ihn in den Armen.
„Lukas! Sieh mich an!“ Er tätschelte die kalte Wange seines Sohnes. „Lukas!
Endlich kam der Junge zu Bewusstsein, spuckte Wasser und hustete. Carsten schnaufte vor Erleichterung, trug Lukas ans Ufer und legte ihn sanft dort ab.
Jasmin stand blass daneben. „Kann ich irgendetwas tun?“
„Lass ihn nur kurz ausruhen.“
Lukas stöhnte und hustete wieder. Dann schlug er müde die Augen auf. „Papa …“
„Ja, Kumpel.“ Carsten sah ihn mit feuchten Augen an und lächelte. „Es ist alles gut, ich bin hier.“



Sie ließen Lukas noch eine Weile zu Atem kommen und machten sich dann auf den Rückweg zum Haus. Carsten legte ein zügiges Tempo vor, da er wollte, dass Lukas möglichst schnell aus den nassen Sachen herauskam.
Er bot seinem Sohn an, ihn zu tragen, doch der Junge wollte selbst gehen. Lukas war wieder weitgehend zu Kräften gekommen, aber der Schreck war ihm noch deutlich anzusehen. Seine Augen waren gerötet, und sein Gesicht war fahl und angespannt.
Als sie das Haus erreichten, zog Carsten rasch die Schiebetür auf und begleitete Lukas ins untere Schlafzimmer.
„Zieh dich schnell um, damit du dich nicht erkältest, okay? Jasmin und ich warten im Wohnzimmer.“
Lukas nickte und begann sich auszuziehen. Carsten sah ihn noch einen Augenblick lang besorgt an, ehe er hinausging und die Tür schloss.
Als Lukas allein im Zimmer war, wollte er die nasse Hose herunterziehen. Doch er hielt inne, als er etwas Hartes in der Gesäßtasche spürte. Er griff nach hinten und zog ein Messer hervor, das er verwirrt betrachtete.
Wo kommt das denn her?
Es hatte einen geriffelten Griff aus Holz und eine stumpfe, leicht gebogene Metallklinge, die mit Rost überzogen war. Mit glasigen Augen starrte Lukas auf das Messer und hörte wieder jenes Flüstern im Kopf, düster und beschwörend wie eine Stimme aus dem Totenreich.
Dann veränderte sich die Klinge. Sie wuchs auf die doppelte Breite und dreifache Länge, verlor ihren Rost und wurde so scharf wie ein Rasiermesser. Im nächsten Augenblick war sie mit dunklem, halb geronnenem Blut verschmiert.
Lukas schrie und schleuderte das Messer weg wie eine Tarantel, die an seinem Arm hinaufgekrochen war. Es prallte klirrend gegen die Wand und blieb neben dem Bett liegen.
Sofort stürmte sein Vater herein. „Lukas! Was ist passiert?“
Der Junge sah ihn erschrocken an und richtete den Blick wieder auf das Messer, das sein Vater von der Tür aus nicht sehen konnte. Die Klinge war wieder sauber und auf eine harmlose Größe geschrumpft. Rostig und stumpf badete sie im Sonnenlicht.
„Nichts, schon gut“, flüsterte Lukas.
Carsten sah seinen Sohn irritiert an. „Beeil dich, ja? Wir wollen gleich essen.“
Er ließ den Jungen wieder allein, der noch eine ganze Weile atemlos und mit aufgerissenen Augen auf das Messer starrte.



Carsten setzte sich neben Jasmin auf die Couch und blickte nachdenklich zu Boden.
„Hatte er schon mal so einen Ohnmachtsanfall?“, fragte sie sorgenvoll.
„Nein. Nicht mal Kreislaufprobleme. Aber Dr. Reinbach hat mir die verschiedenen Trauerphasen erklärt und meinte, es könnten ein paar verrückte Sachen passieren. Das wird sich mit der Zeit legen.“ Er seufzte. „Hoffentlich.“
Jasmin legte ihre Hand auf seinen Oberschenkel. „Ich bin sicher, dass es ihm nach dem Essen schon besser gehen wird. Ich hoffe nur, dass ich nicht der Grund bin, warum es ihm so schlecht geht.“
Carsten winkte ab. „Es gefällt ihm nicht, dass du ihren Platz einnimmst. Aber Dr. Reinbach hat gesagt, das ist ganz normal. Er glaubt, der gemeinsame Ausflug in die Natur wird Wunder wirken. Je mehr Zeit wir zusammen als Familie verbringen, desto besser. Lukas wird irgendwann verstehen, dass das Leben weitergeht.“
Jasmin schürzte die Lippen, als hätte sie Zweifel. Doch sie erwiderte nichts.



Wenig später standen Carsten und Jasmin vor der Küchenzeile und beaufsichtigten zwei Kochtöpfe, aus denen heißer, farbloser Dampf aufstieg.
In einem Topf köchelten Spaghetti in dezent gesalzenem Wasser, in dem anderen brutzelte eine Bolognese Sauce. Das Hackfleisch strömte einen köstlichen Duft aus, der sich trotz der Dunstabzugshaube im ganzen Haus ausbreitete.
Früher hatte Lukas es geliebt, seiner Mutter beim Kochen zur Hand zu gehen. Er hatte eine Menge von ihr gelernt und war schon bald in der Lage gewesen, ein paar leichte Gerichte zuzubereiten. Doch nach ihrem Tod hatte er das Interesse am Kochen vollständig verloren, so wie an fast allen Dingen, die ihn an sie erinnerten.
Auch jetzt saß Lukas auf der Couch im Wohnzimmer und blätterte in einem Comicheft, anstatt sich zu seinem Vater und seiner künftigen Stiefmutter zu gesellen. Hin und wieder blickte Carsten über die Schulter zu seinem Sohn und dachte mehrmals darüber nach, ihn herzurufen. Doch er entschied sich stets dagegen. Dr. Reinbach hatte ihm erklärt, dass Lukas den Zeitpunkt selbst wählen werde, an dem er aus seinem inneren Gefängnis ausbreche. Bis dahin solle Carsten sich gedulden und seinen Sohn nach Möglichkeit gewähren lassen – auch wenn das bedeute, dass Lukas stundenlang in einem Zimmer verbringe, ohne ein Wort zu sagen. Druck und Zwang seien verfehlte Mittel für die seelische Genesung.
Carsten drehte sich wieder um und konnte sich eines Seufzers nicht erwehren. Würde Lukas je wieder zu seiner früheren Lebensfreude und kindlichen Unbeschwertheit zurückfinden? Was für ein aufgeweckter und fröhlicher Junge war er gewesen, und wie niedergeschlagen war er jetzt – Tag für Tag. Der Anblick seines Sohnes erfüllte ihn mit Trauer. Es war, als hätte diese verfluchte Krankheit ihm nicht nur einen, sondern gleich zwei geliebte Menschen geraubt. Verzweiflung und Wut rumorten in seinem Magen wie verdorbene Speisen, die er nicht verdauen konnte.
Jasmin erkannte den Schmerz in Carstens Augen und fühlte mit ihm. Sie wollte dem Mann, in den sie sich verliebt hatte, so viel Trost spenden, wie sie konnte. Doch sie spürte, dass die Rolle der Seelsorgerin seit Monaten an ihrer eigenen Kraft zehrte.
Das Thema der Trauerbewältigung bezog Carsten immer nur auf seinen Sohn, als wäre er selbst nicht betroffen. Dabei entdeckte Jasmin beinah täglich den wässrigen Glanz in seinen Augen und bemerkte seine schlaffe Körperhaltung und herabhängenden Mundwinkel, wenn er sich unbeobachtet fühlte. Es war nicht zu übersehen, dass Carsten unter dem Verlust ebenso sehr zu leiden hatte wie Lukas, auch wenn er seine Trauer besser verbergen konnte.
Jasmin knüpfte eine große Hoffnung an dieses verlängerte Wochenende und wünschte sich, dass sie vor allem Lukas näherkäme, der ihr bislang mit Abscheu begegnete. In seinen Augen machte Jasmin seiner Mutter den Platz streitig. Natürlich war der Gedanke seltsam, einer Toten etwas streitig zu machen. Doch in Lukas’ Erinnerung war seine Mutter noch lebendig, und solange diese Erinnerung frisch war, war es so, als hätte sie nur kurz den Raum verlassen.
Vor ihrer Zeit als Heilerziehungspflegerin hatte Jasmin Pädagogik mit Psychologie im Nebenfach studiert. Sie glaubte zu wissen, was in Lukas vorging, und stimmte Dr. Reinbach zu, dass sich mit Druck und Zwang nichts erreichen ließe. Jasmin konnte nur abwarten und Nachsicht zeigen – gleichsam gegenüber Lukas und Carsten.
Jasmin liebte sie beide und war bereit, die nötige Geduld aufzubringen, um mit ihnen einmal als glückliche Familie zu leben, auch wenn sie wusste, dass ihre Kraft irgendwann erschöpft wäre. Sie vertraute auf ihre – möglicherweise naive – Zuversicht, dass sich mit der Zeit alles zum Guten fügen würde.



Eine Viertelstunde später saßen sie zu dritt in der Küche und genossen die Spaghetti Bolognese. Das Licht der untergehenden Sonne strömte als tiefroter Glanz durchs Fenster, und leichter Wind säuselte ums Haus.
Carstens Blick wanderte immer wieder zu Lukas, der die Spaghetti so mechanisch wie ein Roboter in sich hineinschaufelte, ohne aufzublicken. Die Schweigsamkeit des Jungen war nichts Außergewöhnliches – insbesondere in Jasmins Anwesenheit. Doch heute Abend wirkte Lukas besonders verschlossen, als würde er ein Geheimnis hüten. Seit dem Vorfall am Bach verhielt er sich äußerst eigenartig, und Carsten beschloss, das Thema auf Umwegen anzuschneiden.
„Fühlst du dich jetzt besser, Lukas?“
Der Junge schlürfte geräuschvoll eine Spaghetti in den Mund und nickte, ohne von seinem Teller aufzusehen. Seine Lippen und teils sogar die Wangen waren mit roter Soße beschmiert.
„Möchtest du darüber sprechen, was heute Mittag am Bach passiert ist? Ist dir vielleicht schwindelig oder schlecht geworden?“
Lukas wollte gerade eine weitere Gabel in den Mund stecken, doch stockte bei dieser Frage und sah seinen Vater erschrocken an. Er spürte das Messer in der Gesäßtasche, das er wie einen Talisman bei sich trug, und fühlte eine Kraft von der Klinge in seinen Geist aufsteigen, die sich überaus gut anfühlte.
Er dachte nicht daran, etwas von seinem kostbaren Fund zu verraten. Sein Vater würde es ihm sicher wegnehmen. „Mir wurde auf einmal schwarz vor Augen“, sagte er. „Aber jetzt geht’s wieder.“
Carsten spürte, dass sein Sohn ihm etwas verheimlichte, und wartete, dass er weitersprach. Doch der Junge hielt seinem Blick stand und schwieg.
„Also gut“, sagte Carsten. „Sag Bescheid, falls du dich noch mal komisch fühlst, ja?“
Lukas nickte und sah wieder auf den Teller. Carsten schielte besorgt zu Jasmin, die stumm blieb. Sie hielt sich in solchen Gesprächen zurück, um Lukas nicht in seiner Annahme zu bestärken, sie wolle die Rolle seiner Mutter einnehmen.



Carsten und Jasmin waren sich einig, das Haus vor Anbruch der Dunkelheit nicht mehr zu verlassen. Die Zeit wäre zu knapp gewesen, um draußen noch etwas zu unternehmen. Außerdem sollte Lukas sich nach dem rätselhaften Schwächeanfall nicht mehr anstrengen, sondern erst einmal gründlich ausschlafen.
Nachdem die Sonne hinter den Fichten verschwunden war, hüllte sich die Welt hinter der Schiebetür in Zwielicht und bald darauf in Schwärze. Carsten schaltete das Licht in jedem Zimmer an, da Lukas sich im Dunkeln fürchtete, und öffnete nun auf dem Mahagonitisch im Wohnzimmer einen Karton mit der Aufschrift Mensch ärgere Dich nicht.
So wie heute Mittag, als Lukas den rauschenden Bach erblickt hatte, strahlte er über das ganze Gesicht, als das Spielbrett aufgeklappt wurde. Er liebte Mensch ärgere Dich nicht, obwohl es ihn an seine Mutter erinnerte, mit der er es oft gespielt hatte. Routiniert nahm er die Figuren aus dem Karton, platzierte sie auf die vorgesehenen Startfelder und nahm voller Vorfreude den Würfel zur Hand. Carsten und Jasmin wechselten einen erfreuten Blick, als sie Lukas’ Begeisterung bemerkten. Der Junge würfelte gleich beim ersten Versuch eine Sechs, klatschte glücklich in die Hände und zog eine seiner Figuren ins Spielfeld.
Aus Erfahrung wusste Lukas, dass nicht nur pures Würfelglück, sondern auch die richtige Strategie über den Ausgang einer Partie entschied. Im Verlauf des Spiels achtete er darauf, dass keine regelwidrigen Manöver stattfanden, und ermahnte seinen Vater und Jasmin, wenn sie an der Reihe waren und trödelten.
Je weiter die Partie voranschritt, umso mehr wandelte Lukas’ kindliche Freude sich in Ehrgeiz und Siegeswillen. Sein Vater war inzwischen weit zurückgefallen und stellte keine Gefahr mehr dar. Jasmin war Lukas hingegen ein Dorn im Auge, denn sie musste – ebenso wie er – nur noch eine Figur ins Ziel bringen. Es kam zu einem spannenden Kopf-an-Kopf-Rennen. Am Ende befanden sie sich beide mit ihrer letzten Figur vor dem Ziel und benötigten für den Sieg nur noch die passende Würfelzahl.
Nach jedem Fehlversuch legte Jasmin den Kopf in den Nacken und lachte schrill, während Lukas sich bei unpassender Augenzahl wütend auf den Schenkel schlug. Dann sorgte Carsten für die Vorentscheidung, indem er auf das Feld von Lukas’ letzter Figur vorrückte und sie auf diese Weise aus dem Spiel nahm.
„Tut mir leid, Kumpel“, sagte er lachend und stellte die Figur seines Sohnes zurück in die Startposition.
Lukas biss vor Wut die Zähne zusammen und starrte seinen Vater vorwurfsvoll an. Doch dieser beachtete ihn nicht und sah stattdessen seiner Verlobten beim Würfeln zu. Als endlich die passende Zahl fiel, kreischte sie vor Freude und zog triumphal ihre Figur ins Ziel. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Lukas verlor die Beherrschung und schleuderte das Spielbrett vom Tisch, sodass die Figuren in alle Richtungen davonflogen.
„Du hättest auch mit einer anderen Figur ziehen können!“, schrie er seinen Vater mit nassen Augen an. „Mama war nie so gemein!“
Carsten wusste, dass sein Sohn ein schlechter Verlierer war, doch solche Wutanfälle kannte er nicht von ihm. „Ganz ruhig, Kumpel. Ist nur ein Spiel.“
Doch Lukas dachte nicht daran, sich zu beruhigen, und erhob sich vom Sessel. „Immer haltet ihr zusammen und seid gegen mich! Mama hat mir immer geholfen! Ich will, dass sie zurückkommt!“ Der Junge zeigte mit dem Finger auf Jasmin, ohne den Blick von seinem Vater abzuwenden. „Ich hasse sie!“, schrie er. „Ich hasse sie mehr als alles andere!“
„Lukas!“ Carsten stand auf und drängte zu seinem Sohn. Jasmin wollte ihn zurückhalten, doch Carsten machte sich von ihr los und ging wütend um den Tisch herum. Lukas begann zu weinen und rannte an seinem Vater vorbei zur Schiebetür. Er schlüpfte in seine Schuhe, öffnete die Tür und lief hinaus.
„Lukas! Komm sofort zurück!“
Doch der Junge rannte weiter und verschwand in der Dunkelheit.
Jasmin sah ihn erschrocken an. „Carsten …“
„Bleib hier, ich hole ihn!“
Carsten suchte hektisch seine Schuhe, fand sie nicht und lief auf Socken hinaus.
Im ersten Moment sah er kaum die Hand vor Augen. Dennoch rannte er so schnell er konnte und riskierte, sich in einem Bodenloch den Knöchel zu brechen. Immer wieder rief er seinen Sohn, doch bekam keine Antwort. Als Carstens Augen sich allmählich an die Finsternis gewöhnten, erkannte er den Kontrast zwischen Himmel und Waldrand. Dann entdeckte er Lukas’ Umrisse. Der Junge war ihm ein Stück voraus und näherte sich den Fichten.
Plötzlich schlug Carsten ein bitterkalter Wind entgegen. Es schien, als käme die Kälte direkt aus dem Wald. Die Warnung des Wärters schoss ihm durch den Kopf.
Auch für Menschen kann der Wald gefährlich werden, wenn sie die Pfade verlassen … 
Carstens Wut verflog, und Furcht trat an ihre Stelle.
Im Rauschen des Windes glaubte er ein Flüstern zu vernehmen, düster und gespenstisch.
Da war etwas. Etwas Verborgenes, das seinen Sohn bedrohte.
Luuuukas!
Der Mond prangte hoch am Himmel und säumte die Fichten mit seinem silbrigen Licht. Carsten sah, dass Lukas vor dem Pfad, der in den Wald führte, stehengeblieben war und sich zu ihm umgedreht hatte. Er wirkte ängstlich und orientierungslos, als wäre er vom Schlafwandeln erwacht.
„Papa …“
Carsten überwand die letzten Meter zu seinem Sohn und drückte ihn an sich. Lukas erwiderte die Umarmung seines Vaters und schluchzte an dessen Brust.
„Tut mir leid …“
„Schon gut, Kumpel.“ Carsten strich ihm durchs Haar. Die Angst, die er soeben um seinen Sohn empfunden hatte, erschien ihm jetzt irrational, ja, albern.
Lukas beruhigte sich und sah seinen Vater aus verweinten Augen an. „Ich vermisse sie so sehr“, hauchte er.
„Ich auch, Lukas.“ Carsten hielt mühsam die eigenen Tränen zurück. „In unseren Erinnerungen lebt sie weiter.“
Einen Moment lang schwiegen sie. Dann fragte der Junge: „Liebst du Jasmin?“
„Ja, Lukas.“
„So wie du Mama geliebt hast?“
Carsten zögerte. „Deine Mutter war jemand ganz Besonderes. Niemand kann sie ersetzen. Aber sie würde nicht wollen, dass ich den Rest meines Lebens allein bleibe und um sie trauere. Sie würde wollen, dass ich jemand anderen finde und wieder glücklich bin. Ich liebe Jasmin, und sie liebt mich. Wir wollen heiraten und zusammen alt werden. Ist das okay für dich, Kumpel?“
Lukas wollte nicken, doch etwas in ihm sträubte sich dagegen. In seiner Gesäßtasche spürte er plötzlich wieder das Messer. Auf unerklärliche Weise spendete die Klinge ihm Hoffnung, als gäbe es keinen Grund, seine Mutter loszulassen.
Das Zischeln erwachte wieder in seinem Inneren … bezirzte ihn … gab ihm ein Versprechen.
Ein Schauder glitt durch den Leib des Jungen, und sein Vater bemerkte es.
„Na, komm, gehen wir wieder ins Haus. Es ist verdammt kalt hier draußen.“
Lukas nickte, und noch ehe sie die Terrasse erreichten, war das Flüstern in seinem Kopf verstummt.



Jasmin erwartete sie besorgt an der Schiebetür.
Als sie eintraten, gab Carsten ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass alles wieder in Ordnung sei. Sie atmete durch und wollte die Tür schließen. Doch sie zögerte und blickte ängstlich in die Düsternis. Die Fichten glänzten silbern im Mondlicht und bewegten sich im Wind. Jasmin verspürte eine frostige Kälte, die vom Wald herdrang. Gänsehaut breitete sich auf ihren Armen aus. Sie erschauderte, schob die Tür zu und verriegelte sie. 
Zu dritt hoben sie die Spielfiguren vom Boden auf und legten sie in den Karton. Anschließend brachte Carsten seinen Sohn ins Bett. Sie redeten noch eine Weile, ehe Carsten zur Tür ging und das Deckenlicht ausschaltete. Die Lampe auf der Kommode ließ er gedimmt brennen.
„Gute Nacht, Kleiner.“
Lukas antwortete nicht; offenbar war er bereits eingeschlafen. Carsten beobachtete die schattenhaften Umrisse seines Sohnes noch einen Augenblick lang, bevor er das Zimmer verließ und leise die Tür zuzog.
Jasmin hatte es sich auf der Couch bequem gemacht und hielt ein Glas Rotwein in der Hand.
„Ah, der Genussmensch, in den ich mich verliebt habe“, sagte Carsten und lächelte.
Jasmin wich seinem Blick aus und starrte zum ausgeschalteten Fernseher. Carsten wusste, worüber sie nachdachte, und setzte sich neben sie. „Es ist alles wieder okay. Ich hab draußen mit ihm geredet.“
Jasmin sah ihn immer noch nicht an und schüttelte traurig den Kopf. „Er akzeptiert mich nicht und wird das auch nie.“
„Doch, glaub mir. Er braucht nur noch etwas Zeit.“
„Er will seine Mutter wiederhaben.“
„Sie ist tot. Lukas wird das noch begreifen.“ Carsten hielt inne und sah Jasmin befremdet an. „Du zitterst ja.“
Tatsächlich zitterte sie so sehr, dass sie beinah den Wein verschüttete, und blickte nervös hin und her. Carsten rückte näher zu ihr und streichelte ihre Wange. „Hey, was ist denn los?“
Jasmin trank einen großen Schluck Wein und senkte den Blick. „Als ihr vorhin draußen wart, habe ich etwas gespürt …“
„Was hast du gespürt?“
„Draußen im Wald … ich weiß nicht …“ Sie sah ihn mit zitternden Augen an, eine Träne rollte über ihre Wange. Carsten wischte sie mit dem Daumen beiseite und nahm seine Verlobte in den Arm. Sie drückte sich fest an ihn. „Mir gefällt es hier nicht.“
„Das ist nur der Stress der letzten Wochen. Na, komm. Lass uns ins Bett gehen und ausschlafen. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.“
Jasmin blickte zaghaft über Carstens Schulter zur Schiebetür. Die Schattenrisse der Fichten ragten reglos zum Himmel auf. Der Wind war so urplötzlich verschwunden, wie er gekommen war.



Lukas wand sich im Schlaf. Er stöhnte, und auf seiner Stirn stand Schweiß.
Dunkelheit legte sich über seine Träume, und eine Stimme flüsterte in seinem Kopf. Etwas Kaltes schlich in sein Herz und breitete sich in ihm aus. Lukas wehrte sich, doch er war machtlos gegen die unbekannte Kraft.
Die Stimme schwoll an. Sie flüsterte nicht mehr, sondern klang jetzt fest und sonor wie ein tiefer Bass.
„Willst du schweben, Lukas? In meiner Welt geschehen Wunder …“
Der Junge schlug die Augen auf und starrte an die Decke. Er konnte sich nicht bewegen. Zuerst hatte er Angst und glaubte zu ersticken. Doch nachdem die fremde Macht ihn vollständig umfangen hatte, fühlte er sich geborgen, als würde ein Schutzschild ihn umgeben.
„Spürst du die Schwerkraft schwinden?“, sprach die Stimme. „Wir können in die Zukunft und in die Vergangenheit reisen, an ferne Orte, über fremde Meere und wieder zurück. Mit mir bist du frei.“
Lukas’ Augen zitterten. „Wer bist du?“
„Ich bin die Kraft, die niemals ruht. Ich bin der Schatten der Gedanken. In meiner Welt wohnen die Träume. In meinem Herzen lebt die Hoffnung. Spürst du meinen Atem? Spürst du meine Macht?“
Lukas fühlte die Kälte, die ihn wie ein Strom durchzog, und nickte.   
„Willst du die Welt verändern, Lukas? Ich kann dir eine Kraft verleihen, die niemand sonst besitzt.“
„Welche Kraft?“, hauchte der Junge.
„Die Kraft, mit deinen Gedanken das Leblose zu bewegen, frei nach deinem Willen.“
Lukas lächelte. Die Vorstellung, den Erwachsenen ebenbürtig, gar überlegen zu sein, faszinierte ihn. „Das wäre toll.“
„Diesen Wunsch erfülle ich dir. Nur eines verlange ich.“
„Was denn?“
„Ein Opfer.“
Wie von Geisterhand glitt das Spültuch vom Kochtopf, der auf der Fensterbank stand, fiel zu Boden und blieb neben dem Messer liegen. Lukas nahm dieses Wundergeschehen hin wie in einem Traum. Der Frosch planschte aufgeregt im Wasser.
„Bring ihn mir. Und dein Wunsch wird wahr.“
Lukas schlug die Decke beiseite und stieg aus dem Bett. Sein Körper gehorchte wie von allein. Er hob das Messer auf und steckte es in die Hosentasche seines Schlafanzugs. Dann nahm er mit beiden Händen den Frosch aus dem Topf und ging mit stierem Blick ins Wohnzimmer.
Dort wandelte er zur Schiebetür und blickte eine Weile in die Finsternis. Dann entriegelte er die Tür, schob sie auf und trat barfuß in die Nacht. Er beobachtete sich wie aus der Ferne, als schwebe sein Geist über dem eigenen Körper.
Das Mondlicht beschien die Fichten, die hoch vor Lukas aufragten. Die Messerklinge lugte aus der Tasche und blitzte silbern unter den Sternen. Bald erreichte er den Pfad, der in den Wald führte, und folgte ihm in die Dunkelheit.



Im Wald war es finster und still. Nur die knirschenden Schritte des Jungen waren zu hören, der dem schmalen Weg folgte.
Er gelangte an den rauschenden Bach, auf dem das Mondlicht glänzte. Lukas trat ins Wasser, das ihm bis zu den Knien reichte, und wurde eins mit der nassen Kälte. Mit leblosen Augen watete er vorwärts und blies dünne Atemwolken aus. Trotz der Strömung wankte er nicht, als sichere ihn ein unsichtbares Seil. Zwischen seinen Fingern blickte der Frosch ihn mit schwarzen Augen an und blähte die Backen.
Auf der anderen Seite des Gewässers stieg Lukas eine Anhöhe hinauf. Sie war von kleinen Fichten bewachsen, die sich krumm nach den Sternen reckten. Die Erde war feucht und kalt.
Lukas betrat ein Plateau, von wo aus er sich mühelos einen Weg durchs Unterholz bahnte.
Feuchte Erde schmatzte, und Äste knackten unter seinen Füßen. Die Fichten gewannen an Größe und rückten näher zusammen. Der Junge zwängte sich zwischen den Stämmen hindurch und gelangte nach einer Weile auf eine kleine Lichtung.
Das Mondlicht beschien einen flachen, moosüberwachsenen Felsen. Mitten auf der Lichtung wirkte er wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit. Das Gestein übte eine sonderbare Anziehung auf Lukas aus. Mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen. Dann begriff er, dass es nicht der Felsen war, der ihn anzog – das Messer in seiner Tasche trieb ihn dorthin!
Als Lukas vor dem Felsen stand, der ihm bis zur Brust reichte, erkannte er zwischen dem Moos dunkle Flecken auf der Oberfläche. Er strich mit der Hand darüber und fühlte eine kalte Energie in sich aufsteigen, wie leichte Elektrizität.
Die Stimme sprach leise und beschwörend in seinem Kopf. 
„Gib ihn mir.“
Lukas drückte den Frosch mit der linken Hand auf den Fels und zog mit der rechten das Messer aus der Tasche. Die Klinge wuchs vor seinen Augen und wurde so scharf wie ein Skalpell.
Der Frosch gaffte Lukas mit seinen schwarzen Knopfaugen an und blähte ein letztes Mal die Backen. Dann setzte der Junge die Klinge an den Kopf des Frosches und trennte ihn vom Rumpf. Dunkles Blut ergoss sich auf den Felsen, lief zum Rand und tropfte hinab.
Im Unterholz jenseits der Lichtung flackerte ein greller Blitz auf, und in seinen Gedanken vernahm Lukas ein zufriedenes Stöhnen.
„Schwebe!“, flüsterte die Stimme. „Sobald das erste Sonnenlicht dein Gesicht berührt, sind deine Gedanken des Leblosen Herr.“

Lukas’ Kopf sank auf die Brust, und seine Augen fielen zu. Vom Messer in seiner Hand troff schwarzes Blut. Die Sinne verließen ihn, und er fiel in einen traumlosen Schlaf.