Sonntag, 16. Februar 2014

Schreiben als Handwerk - Rechtschreibung und Zeichensetzung

Heute wollte ich eigentlich über Füllwörter, Adjektive und Speech Tags schreiben. Aber bevor ich auf den Stil eingehe, möchte ich zunächst ein Thema behandeln, das für das Schreiben als Handwerk von grundlegender Bedeutung ist: Rechtschreibung und Zeichensetzung.

Wenn man einen Text der Öffentlichkeit vorstellt, sollten eine fehlerlose Rechtschreibung und saubere Orthographie selbstverständlich sein. Doch das ist leider fernab der Realität, wie immer wieder zu beobachten ist. Im Zeitalter des Self-Publishings kann sich jeder selbst zum Autor erklären und ohne Verlag seine Werke herausgeben. Grundsätzlich betrachte ich diese Entwicklung positiv: Die Literaturlandschaft erlebt eine nie dagewesene Vielfalt; nicht nur potenzielle Bestseller, sondern auch Nischentitel stehen zur Auswahl. Der Markt befindet sich im Umbruch und bietet neue Möglichkeiten. Viele Talente, die früher unentdeckt geblieben wären, haben nun Gelegenheit, sich auch ohne Verlag einen Namen zu machen.

Die Schattenseite des Self-Publishings, in dem es keine professionellen Verlagslektoren als „Gatekeeper“ gibt, ist die niedrige Textqualität vieler Veröffentlichungen. Der Indie-Markt wird von Titeln überschwemmt, die vor Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern nur so strotzen. Den meisten Autoren ist nicht einmal bewusst, dass ihr Werk schon wegen seiner katastrophalen Text-Oberfläche unzumutbar ist. Neulich habe ich eine besonders schlimme Buchvorstellung auf Facebook in einem Kommentar kritisiert. Das mache ich normalerweise nicht, aber bei diesem Beitrag lief es mir kalt den Rücken herunter, und ich wollte den Autor vor sich selbst schützen, ehe die Wölfe ihn zerreißen. Die Vorstellung war durchgängig in Großbuchstaben verfasst, voller Rechtschreibfehler und ohne ein einziges Komma.

Mein Kommentar lautete: „Großbuchstaben tragen nicht dazu bei, dass ein Text besonders lesbar ist. Sie wirken eher aufdringlich und störend. Außerdem ist deine Buchvorstellung voll von Schreibfehlern und ohne ein einziges Komma. Das macht keinen guten Eindruck, und schon aus diesem Grund verspüre ich wenig Lust, mir dein Buch näher anzuschauen. Vielen anderen dürfte es ähnlich gehen.“

Kurz darauf kam die Antwort: „Wen es stört soll es überlesen….sorry aber auf so dummi kommis hab ich herzlich wenig lust….“

Von den abermaligen Fehlern und der mangelhaften Ausdrucksweise abgesehen, hat mich diese Einstellung schockiert: „Wen es stört, soll es überlesen.“
Das ist, als würde ein Maurer ein Haus mit 20 cm Gefälle errichten und auf Beschwerden erwidern: „Wen es stört, soll es übersehen.“
Was sagt diese Grundhaltung über den Autor aus? Und warum würde ein Maurer mit einer vergleichbaren Einstellung nicht lange in seinem Gewerbe überleben?
Es verdeutlicht das Problem, dass viele Indie-Autoren das Schreiben nicht als professionelles Handwerk begreifen. Die Devise lautet: Schreiben kann jeder, schließlich lernt man es in der Grundschule. Eine ähnliche Vorstellung haben viele Laien auch von anderen Kunstbereichen, zum Beispiel dem Gesang. Aus diesem Grund blamieren sich seit Jahren talentfreie Kandidaten im Casting von „Deutschland sucht den Superstar“ und verewigen sich zur Schadenfreude der Nation auf YouTube.

Menschen wird eine öffentliche Plattform für ein Handwerk geboten, von dem sie nichts verstehen. Dabei fehlt ihnen das Bewusstsein, dass es sich überhaupt um ein Handwerk handelt, das man über viele Jahre erlernen muss. Niemand würde sich zutrauen, eine Herz-OP durchzuführen, wenn er nicht Medizin studiert und die entsprechende Ausbildung absolviert hätte. Aber viele sehen sich in der Lage, einen Roman zu verfassen, obwohl sie sich nie mit der Theorie des kreativen Schreibens beschäftigt haben.

Das Schreiben unterscheidet sich nicht von anderen Berufen wie der Chirurgie, Malerei, Komposition oder Bildhauerei: Es sind Handwerke, die eine jahrelange Ausbildung erfordern, ehe man sie professionell beherrscht. Die meisten erfolgreichen Berufsautoren haben schon im Kindesalter mit dem Schreiben begonnen und sich seitdem bewusst weiterentwickelt. Das Üben beginnt an der Text-Oberfläche mit Rechtschreibung und Zeichensetzung. Wer schon dort massive Schwächen hat, sollte diese erst beheben, ehe er sich Füllwörtern, Adjektiven, Speech Tags und anderen Stilfragen zuwendet.

Fazit: Kreatives Schreiben ist ein Handwerk, das erlernt sein will. Am Anfang steht die Erkenntnis, dass eine Entwicklung überhaupt notwendig ist. Nur wer über Jahre hart an sich arbeitet und (konstruktive) Kritik annimmt, wird einmal in der Lage sein, fehlerlose und lesenswerte Texte zu verfassen. Der Autor, der seine Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler mit „Wen es stört, soll es überlesen“ abwiegelt, wird in zehn Jahren noch genauso fehlerhaft schreiben.