Sonntag, 2. März 2014

Füllwörter erkennen und vermeiden

Goethe schrieb: „Getretener Quark wird breit, nicht stark.“

Ein Text sollte nicht um den heißen Brei herumreden, sondern auf den Punkt formuliert sein. Doch was zeichnet einen straffen Text aus? Andersherum gefragt: Was bläht ihn auf? Die kurze Antwort lautet: Alles, was  keinen (wahren) Beitrag zur Bedeutung leistet. Wenn kein rechter Lesefluss aufkommen will, sind zumeist Füllwörter daran schuld. Wie der Name schon sagt, füllen sie den Satz auf, ohne etwas zum Inhalt beizutragen. Füllwörter treten am häufigsten als Adverbien und Adjektive auf. Die im Deutschen vielfach vorhandenen Modalpartikeln sind ein Grenzfall. Sie entstammen der gesprochenen Sprache und werden oft als Füllwörter angesehen, bewirken jedoch in vielen Fällen eine Verschiebung (Abtönung) der funktionalen Satzperspektive, sodass sie nicht immer gestrichen werden können. 

Beispiele für Adverbien: gewissermaßen, sozusagen, einfach, normalerweise, meistens, selten, leider, möglicherweise, vielleicht, unbedingt.

Beispiele für Adjektive: schön, herrlich, furchtbar, schrecklich, einsam, gemein, gut, böse, bezaubernd, wundersam.

Beispiele für Modalpartikeln: doch, ja, vielleicht, wohl, gerade, aber, auch, denn, eben, halt.

Wie lässt sich im konkreten Fall feststellen, ob ein Wort ein Füllwort ist? Der einfachste Test besteht darin, zu überprüfen, ob der Satz auch ohne das Wort funktioniert, ohne ungrammatisch zu werden oder seine Bedeutung zu verlieren/verändern.

Beispiel Adverb: „Füllwörter sollte man einfach streichen.“

Beispiel Adjektiv: „Er ist ein gemeiner Schuft.“

Beispiel Modalpartikel: „Ich frage mich, ob er wohl schon zuhause ist.“

Im ersten Beispiel bietet das Adverb keinen semantischen Mehrwert zum Verb. Streicht man es, geht keine Information verloren. Vielmehr wird der Text von einem Füllwort befreit und lesbarer.
Im zweiten Beispiel handelt es sich um eine Redundanz. Darunter versteht man in der Kommunikationstheorie eine doppelt vorhandene Information. Das Hauptwort „Schuft“ beinhaltet bereits per definitionem die Eigenschaft „gemein“ und ist daher in diesem Fall entbehrlich.
Im dritten Beispiel hat die Modalpartikel keine abtönende Wirkung und kann deshalb gestrichen werden.

In anderen Fällen erfüllen Adverbien, Adjektive und Modalpartikeln die ihnen zugedachte Funktion und stellen daher keine Füllwörter dar.

Beispiel Adverb: „Als sie von den Mordermittlungen erfuhr, ist sie eilig abgereist.“

Beispiel Adjektiv: „Er stieg eine steile Treppe hinab in einen feuchten, dunklen Keller.“

Beispiel Modalpartikel: „Ich habe dir doch gesagt, dass ich heute Abend nicht zuhause bin.“

Im ersten Beispiel stellen wir uns eine Frau in einer Kriminalgeschichte vor. Würde sie während der Mordermittlungen ganz normal abreisen (so wie viele andere), wäre dies nicht besonders relevant. Durch ihr eiliges Abreisen macht sie sich jedoch verdächtig. Insofern ginge eine wichtige Information verloren, würde man dieses Adverb streichen.
Im zweiten Beispiel tragen die Adjektive zur Veranschaulichung des Beschriebenen bei und erzeugen darüber hinaus eine düstere Atmosphäre. „Steil“ ist keine notwendige Eigenschaft einer Treppe und bietet somit eine Zusatzinformation. Darüber hinaus assoziieren wir eine steile Treppe mit (Verletzungs-) Gefahr, wodurch eine bedrohliche Atmosphäre entsteht. Das gleiche gilt für den „feuchten, dunklen“ Keller. Nicht jeder Keller besitzt diese Eigenschaften, somit liegt keine Redundanz vor. Zugleich empfinden wir feuchte, dunkle Räume gemeinhin als abstoßend und furchteinflößend.
Warum verwenden wir keine passenden Adjektive, um die beabsichtigte Atmosphäre zu erzeugen? Beispiel: Er stieg eine gefährliche Treppe hinab in einen abstoßenden, furchteinflößenden Keller.
Das Problem ist, dass jeder Leser eine andere Auffassung davon hat, was gefährlich, abstoßend und furchteinflößend ist. Solche Adjektive, die das subjektive Empfinden betreffen, tragen deshalb nicht zur Veranschaulichung bei und stellen zumeist Füllwörter dar. Anstatt zu behaupten, dass etwas schön, hässlich, gut oder böse ist, sollten wir diese Empfindungen beim Leser mittels Assoziationen hervorrufen. Dies gelingt uns mit Adjektiven, die das Hauptwort mit Eigenschaftsmerkmalen versehen, die nicht schon per definitionem im Hauptwort enthalten sind. Dieses Prinzip wird auch Show, don't tell genannt.  
Im dritten Beispiel betont die Modalpartikel, dass die betreffende Information bereits geäußert wurde und der Rezipient sie daher (nach Meinung des Sprechers) hätte kennen müssen: Ich habe dir gesagt, dass ich heute Abend nicht zuhause bin. Also hättest du wissen müssen, dass ich heute Abend nicht zuhause bin. Obwohl Modalpartikeln auf diese Weise den Satzinhalt um Nuancen verschieben können, sind sie, wie gesagt, ursprünglich ein Phänomen der gesprochenen Sprache und sollten daher in Texten sparsam und vorwiegend in der wörtlichen Rede eingesetzt werden. 

Fazit: In einem Text sollten alle Wörter gestrichen werden, die keinen semantischen Mehrwert bieten. Besonders Adverbien, Adjektive und Modalpartikeln sollten dahingehend überprüft werden. Funktioniert der Satz auch ohne sie, ohne eine Grammatikregel zu verletzen oder die Bedeutung zu verlieren/verändern, handelt es sich um Füllwörter, die den Text aufblähen und die Lesbarkeit beeinträchtigen. Grundsätzlich gilt: Getretener Quark wird breit, nicht stark. Und in der Kürze liegt die Würze. 

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Erfolg beim ersatzlosen Streichen eurer Füllwörter! :)