Sonntag, 23. März 2014

Schachtelsätze

In meinem letzten Beitrag bin ich der Frage nachgegangen, was man unter Stil versteht, und habe angerissen, was einen guten und klaren Stil auszeichnet. 

Ich habe folgende Grundregel formuliert: Fasse dich kurz und drücke dich einfach und verständlich aus. 

Sprachliche Eigenarten, die den Lesefluss und das Textverständnis beeinträchtigen, sind (mitunter) Schachtelsätze, Substantivierungen, (vorangestellte) Adverbien, (semantisch blasse) Adjektive, Füllwörter, gestelzte Formulierungen und ungewöhnliche Satzstellungen. 

Über Füllwörter habe ich bereits einen Beitrag verfasst. Heute möchte ich mich den berühmt-berüchtigten Schachtelsätzen zuwenden, mit denen Autoren immer wieder ihre Leser quälen. 

Was sind Schachtelsätze und warum sind sie so typisch für die deutsche Sprache?

Der (Sprach-)Philosoph August Wilhelm Schlegel (1767 – 1845) unterschied zwischen analytischen und synthetischen Sprachen. Im Unterschied zu den analytischen, wird in den synthetischen Sprachen die grammatikalische Funktion eines Wortes (oder einer Wortgruppe) mittels Flexion (Beugung) kenntlich gemacht.

Zur Veranschaulichung betrachten wir einen Satz auf Englisch (analytisch) und Deutsch (synthetisch):

“The dog bit the man.“

“Der Hund biss den Mann.”

Aufgrund der im Deutschen vorhandenen Akkusativ-Flexion („den“) lässt sich der Satz umstellen, ohne die Bedeutung zu verändern: „Den Mann biss der Hund.“

Da die Akkusativ-Flexion im Englischen fehlt, werden bei gleicher Satzumstellung Subjekt und Objekt vertauscht: „The man bit the dog.“ („Der Mann biss den Hund“).

Aus diesem Grund ist der Satzbau in den synthetischen Sprachen weitaus freier als in den analytischen. Leider machen viele Autoren von dieser Freiheit einen allzu exzessiven Gebrauch.

Beispiel für einen Schachtelsatz, der im Englischen rein grammatikalisch unmöglich wäre:

„Der Hund, der den Mann, der das Haus anstrich, biss, wurde eingeschläfert.“

Die beiden Relativsätze führen zu der sonderbaren Konstellation, dass drei Verben hintereinander stehen. Das ist grammatikalisch korrekt, doch so weit von der gewöhnlichen Satzstruktur entfernt, dass ein Verständnis beim ersten Lesen fast unmöglich ist.

Die gewöhnliche Satzstruktur lautet: S(ubjekt), P(rädikat), O(bjekt). 

Beispiel: Der Junge (Subjekt) stahl (Prädikat) einen Apfel (Objekt).

Diese Satzstellung ermöglicht den höchsten Lesefluss, daher sollte man nur mit guter Begründung von ihm abweichen. 

Im folgenden Extrembeispiel kommt (fast) alles zusammen, was einen klassischen Schachtelsatz auszeichnet: 

„Pfeifend – es war die Titelmelodie des Filmklassikers „Die Brücke am Kwai“ – schaltete der Mann das Radio, das er zum Schnäppchenpreis auf dem örtlichen Flohmarkt, der jeden Samstag auf dem Marktplatz stattfand, erstanden hatte, nachdem er zuvor seine Nachbarin, die am Küchenfenster vorbeigeschlendert war, gegrüßt hatte, ein.“

Derselbe Text ohne Verschachtelung:

„Der Mann grüßte seine Nachbarin, die am Küchenfenster vorbeischlenderte. Er pfiff die Titelmelodie des Filmklassikers „Die Brücke am Kwai“ und schaltete das Radio ein. Er hatte es zum Schnäppchenpreis auf dem örtlichen Flohmarkt erstanden, der jeden Samstag auf dem Marktplatz stattfand.“ 

Wenn ein Satz zu viele Informationen enthält, sollte man zwei oder drei Sätze aus ihm bilden. Außerdem sollten folgende sprachliche Eigenarten vermieden werden:

- (Vorangestellte) Partizipien („pfeifend“)

- Vorvergangenheit („nachdem er zuvor … gegrüßt hatte“)

- Einschübe („– es war die Titelmelodie des Filmklassikers ‚Die Brücke am Kwai‘–“) 

- (stark) auseinandergezogene Verben („schaltete … ein“)

- mehr als einen Relativsatz pro Satz

Sprachliche Merkmale dieser Art sind nicht verboten, doch sie stören erheblich den Lesefluss und sollten daher sparsam und zweckdienlich eingesetzt werden. Sprachvirtuosen wie Thomas Mann, Heinrich von Kleist und Robert Musil bildeten ellenlange Schachtelsätze. Doch diese Literaten waren Meister ihres Fachs und bewahrten die Lesbarkeit auch dann, wenn ihre Satzgefüge sich über eine ganze Seite erstreckten. Normalsterbliche sollten von sprachlichen Ungetümen dieser Art Abstand nehmen und kurze Sätze bilden. Wer jonglieren lernen will, sollte mit zwei oder höchstens drei Bällen anfangen, anstatt gleich mit zwölf.

Grundsätzlich gilt: Den gewöhnlichen Satzbau (SPO) bewahren und die Sätze kurz halten. Die Leser werden dankbar sein. :)