Sonntag, 4. Mai 2014

Was ist eine Metapher?

Metaphern werden seit der Antike – denn so lange und noch länger gibt es sie schon – untersucht, definiert und klassifiziert. In diesem Beitrag werde ich nicht den langen sprachhistorischen Teppich ausrollen – oha, eine Metapher! –, denn das würde erstens den Rahmen sprengen (noch eine Metapher!), zweitens möchte ich mich ungern des Mordes schuldig machen, indem ich den einen oder anderen Leser zu Tode langweile.

Zunächst möchte ich mich an einer Metapher-Definition der eigenen Kreation versuchen, da mir von den vielen vorhandenen Definitionen keine so recht gefallen will. Anschließend werde ich verschiedene Metapher-Arten vorstellen (schnarch, schnarch, ich weiß) und komme am Ende auf die Verwendung von Metaphern in literarischen Texten zu sprechen (eines vorweg, Leute: Seid sparsam mit der Bildhaftigkeit!).

Was ist eine Metapher?

Wikipedia gibt folgende Definition:

„Ausdruck, der statt des wörtlich Gemeinten etwas bezeichnet, das ähnlich ist.“

Das Konzept der Ähnlichkeit ist strittig, aber um nicht allzu weit ausholen zu müssen, wollen wir in diesem Beitrag damit arbeiten. Jedoch fehlt in dieser Definition meiner Meinung nach ein entscheidender Zusatz.

Um zu zeigen, was ich meine, betrachten wir folgendes Beispiel: „Das Kind ist ein Papagei.“

Um diese Metapher zu verstehen, muss man wissen, was ein Papagei ist bzw. welche besonderen Eigenschaften ihn auszeichnen, die bei einem Kind in ähnlicher Weise vorhanden sein können (wir ahnen schon: Der Sprecher meint nicht, dass das Kind die Flügel ausbreiten und im Zimmer umherfliegen kann.)

Der Duden definiert „Papagei“ wie folgt:

„Bunt gefiederter tropischer Vogel mit kurzem, abwärtsgebogenem Schnabel, der die Fähigkeit hat, Wörter nachzusprechen.“

Welche dieser Eigenschaften könnte wohl auch ein Kind besitzen?
Bunt gefiedert? Unwahrscheinlich. Abwärtsgebogener Schnabel? Lustige Vorstellung, aber nein. Die Fähigkeit, Wörter nachzusprechen? Bingo. Mit dieser Marotte können Kinder die Erwachsenen buchstäblich in den Wahnsinn treiben.

Schauen wir uns noch ein Beispiel an: „Andre Agassi ist der Papagei des Tenniszirkus.“

So wurde der ehemalige Tennisstar in seiner aktiven Zeit häufig bezeichnet. Aber was hat Agassi mit einem Papagei gemeinsam? Er kann (soweit ich weiß) nicht durch die Luft gleiten und hat auch keinen abwärtsgebogenen Schnabel. Anders als so manches Kind hat er aber auch nicht die Angewohnheit, Worte nachzuplappern (das wäre doch irgendwann aufgefallen).

Agassi war vielmehr bekannt für seine farbenfrohe Sportbekleidung, die dem bunten Gefieder des Papageis glich (die einzige Ausnahme machte er auf dem heiligen Rasen in Wimbledon, auf dem weiße Kleidung traditionsgemäß vorgeschrieben war). Auf das Kind wurde also eine andere Papagei-Eigenschaft übertragen als auf Andre Agassi.

Daher muss die Definition durch den Zusatz ergänzt werden, dass vom ursprünglichen Ausdruck nicht die gesamte Bedeutung, sondern nur ein bestimmtes Bedeutungselement auf etwas anderes übertragen wird.

Bei den meisten Metaphern ist in der Regel unschwer zu erkennen, um welches übertragene Bedeutungselement es sich handelt. Wenn zum Beispiel ein Feuilleton einen jungen Autor als „Neuen Goethe“ bezeichnet, wird schon nicht gemeint sein, dass er ein aufstrebender Naturwissenschaftler, Geologe, Staatsmann, Theaterintendant oder Frauenheld sei – auch wenn Goethe all das gewesen ist. In erster Linie kennen wir Goethe als Dramatiker und Dichterfürsten. Im Zusammenhang mit einem jungen Autor, der im Feuilleton gelobt wird, liegt das gemeinte Ähnlichkeitsverhältnis also auf der Hand (ups – Metapher).

Bei anderen Metaphern, wie der Papagei-Metapher, lässt sich das übertragene Bedeutungselement nur aus dem Kontext erschließen. Bei metaphorischen Neuschöpfungen wird die Erklärung oft direkt mitgeliefert. Hier ein Beispiel, das ich vor kurzem in einem Spiegel-Online-Artikel entdeckt habe:

„Die Kopie [gemeint ist ein Serien-Spin-off] ist eben doch nur ein Trostpflaster. Sie lindert den Abschiedsschmerz ein bisschen. Aber sobald die Wunden verheilen, reißt man das Pflaster wieder herunter. Man braucht es nicht mehr.“

Welche Arten von Metaphern gibt es?

Der Übersicht halber möchte ich die verschiedenen Metapher-Arten wie folgt unterteilen (eine feinere Unterteilung findet ihr hier):

Lexikalisierte (oder tote) Metaphern

Redensartliche Metaphern

Neugeschöpfte Metaphern

Zu den lexikalisierten Metaphern zählen die vielen Wendungen unserer Sprache, deren metaphorischer Gehalt uns kaum oder gar nicht mehr bewusst ist. Dazu gehören sowohl konkrete Ausdrücke wie Flaschenhals, Warteschlange und Baumkrone als auch Abstrakta wie Vertrauensbruch, Zahn der Zeit und Mauer des Schweigens.

Eine redensartliche Metapher ist die bildhafte Veranschaulichung eines bestimmten Sachverhalts. So wie die lexikalisierten Metaphern, sind uns diese Wendungen in der Regel wohlbekannt, sodass wir sie nicht (mehr) zu entschlüsseln brauchen.

Beispiele:

Die Nadel im Heuhaufen suchen (etwas mit geringer Erfolgsaussicht suchen)

Schnee von gestern (veraltet, nicht mehr aktuell)

Über eine Sache Gras wachsen lassen (Eine unangenehme Angelegenheit in Vergessenheit geraten lassen)

Jemandem das Herz brechen (Jemandem Liebeskummer bereiten)

Vor die Hunde gehen (zugrunde gehen)

Auf den Zahn fühlen (ausforschen, sehr kritisch prüfen)

Ins Gras beißen (sterben)

Etwas auf die lange Bank schieben (etwas Unangenehmes aufschieben, hinauszögern)

Mit neugeschöpften Metaphern meine ich bildhafte Wendungen, die nicht dem allgemeinen Sprachrepertoire angehören und (zum Beispiel im Zuge des kreativen Schreibens) neu gebildet werden. Eine solche metaphorische Wendung ist entweder (in ausreichender Weise) selbsterklärend oder sie kommt, wie im obigen Spiegel-Online-Beispiel, mit einer Erklärung daher.

Funktion und Verwendung von Metaphern

Metaphern können einen komplizierten und abstrakten Sachverhalt bildhaft veranschaulichen und umfangreiche Umschreibungen ersetzen. Das trifft besonders auf lexikalisierte Metaphern zu, für die kein eigener Begriff existiert. In diesem Fall verhält sich die Metapher wie eine gewöhnliche Vokabel, für die es kein geeignetes Synonym gibt (z. B. Stuhlbein).
Oft fördern Metaphern auch die Einprägsamkeit einer Aussage, da unser Gedächtnis bildhafte Eindrücke besser speichert als abstrakte.
Metaphern können auch den Kunstgehalt eines Textes erhöhen und nehmen in diesem Fall explizit die Rolle eines rhetorischen Mittels ein. Ein Paradebeispiel ist Martin Luther Kings berühmte Rede I have a Dream, die unter anderem wegen ihres vielfältigen Gebrauchs sinnhafter Metaphern als ein Meisterwerk der Rhetorik gilt.

Bei allen Vorzügen, die Metaphern bieten, rate ich beim Schreiben zu einem sparsamen Einsatz selbiger. Viele redensartliche Metaphern wirken inzwischen abgedroschen und klischeehaft (besonders in der Trivialliteratur findet man häufig solche Klischee-Metaphern wie „Feuer der Liebe“ oder „Flamme der Leidenschaft“, bei denen sich mir die Fußnägel aufrollen). Eine besonders große Gefahr besteht beim Erschaffen neuer Metaphern; sind sie schief oder im Kontext unpassend, führen sie zu Missverständnissen und/oder unfreiwilliger Komik. Wenn der Leser bei einer Textstelle, die dramatisch wirken soll, schmunzelt oder gar in Gelächter ausbricht, ist das für den Autor ein ziemlich harter Schlag ins Gesicht. ;)

Außerdem rate ich von einem übermäßigen Metapherngebrauch ab, weil jede Bildhaftigkeit den Leser letztlich vom eigentlich Gesagten entfernt. Das hängt mit der Funktionsweise unserer Sprache zusammen, die auf Assoziationen beruht. Wenn wir ein bestimmtes Wort hören, sei es Baum, Rakete, Sonne oder Hund, erscheint vor unserem inneren Auge ein entsprechendes Bild. Das können wir weder beeinflussen noch verhindern. Der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure (1857 – 1913) hat im Rahmen seiner Semiologie (dargelegt in seiner einflussreichen Abhandlung Cours de linguistique générale) die Untrennbarkeit von Zeichen und Bedeutung aufgezeigt. Wenn ein Text uns also durch zahlreiche Metaphern und metaphorische Wendungen in fast jedem Satz in eine andere Bedeutungssphäre führt, lenkt dies ungemein vom eigentlichen Inhalt ab und erschwert somit das Verständnis. Plötzlich schwirren dem Leser zahllose Bilder vor dem inneren Auge, die nichts mit der erzählten Geschichte zu tun haben; das kann nicht im Sinne des Verfassers sein.

Achtet also trotz der Mehrwerte, die Metaphern zu bieten haben, auf einen gemäßigten Gebrauch und verwendet sie nur, wenn sie wirklich in den Zusammenhang passen und das Gesagte verdeutlichen. Wenn sie nichts zur Veranschaulichung beitragen oder gar für Verwirrung sorgen, behandelt sie wie Füllwörter: Einfach streichen. :)