Sonntag, 13. April 2014

Ideenfindung

In meinen bisherigen Schreibtipps habe ich mich den Grundlagen des kreativen Schreibens zugewandt. Dazu gehört eine kurze Abhandlung über Schreibblockaden und fehlende Motivation sowie ein allgemeiner Beitrag zum Schreiben als Handwerk.
Nachdem die Basis geschaffen war, bin ich auf die Stilistik eingegangen. Es erschien mir sinnvoll, zunächst eine Stil-Definition zu finden, um aus ihr abzuleiten, was einen guten Stil auszeichnet. Naheliegende Kriterien, mit denen vor allem Schreibanfänger häufig zu kämpfen haben, sind Füllwörter und Schachtelsätze. Damit ist das Thema Stilistik natürlich noch lange nicht abgeschlossen, und eigentlich wollte ich heute mit Metaphern und bildhaften Vergleichen fortfahren. Aber stattdessen möchte ich das Thema Ideenfindung vorwegnehmen, das ich ursprünglich für einen viel späteren Zeitpunkt geplant hatte. Der Grund ist, dass mich dieses Thema in den letzten Wochen sehr beschäftigt hat, und man sollte immer das zu Papier bringen, was das eigene Gemüt bewegt, und nicht, was das Gemüt anderer bewegen könnte. Damit wäre zur Ideenfindung schon das Wichtigste gesagt.

Mein Debütroman „Die Heilanstalt“ ist mit über 500 verkauften E-Books und knapp 150 Taschenbüchern ein sehr guter Erfolg für einen unbekannten Autor ohne Verlag – und das Buch verkauft sich ein halbes Jahr nach der Veröffentlichung immer noch. Logischerweise ist mir viel daran gelegen, für Nachschub zu sorgen und ein neues Buch zu veröffentlichen, solange die Leser der Heilanstalt sich noch an meinen Namen erinnern. (Vor kurzem habe ich zwar den ersten Band des Fantasyromans „Wächter der Erinnerungen“ herausgebracht, aber da es sich um ein älteres Buch handelt, das ich lediglich überarbeitet und neu veröffentlicht habe, zählt das nicht.)

Nun saß ich also am Schreibtisch vor dem berühmten weißen Blatt Papier und starrte den blinkenden Cursor an. Ich brauchte eine zündende Idee für einen neuen Roman und durchwühlte die Kisten und Schubladen meines Unterbewusstseins nach brauchbarem Material.
„Die Heilanstalt“ behandelt einige Themen, die man als literarisch gehoben durchgehen lassen kann. Da wäre das Gegensatzpaar von Schein und Wirklichkeit im ersten Teil des Buches und das Gegensatzpaar von Knechtschaft und Freiheit im zweiten Teil. Hinzu kommen einige Dialoge und philosophische Gedanken, die nicht bahnbrechend, aber zumindest auch nicht peinlich sind.
Das Ziel hatte ich klar vor Augen: Mein neues Werk sollte „Die Heilanstalt“ in den Schatten stellen, ja am besten wie ein Kinderbuch aussehen lassen. Was für ein Autor wäre ich, wenn es mir nicht gelänge, meinen Debütroman zu übertrumpfen, nicht wahr?

In meinem Schreibtipp Was versteht man unter Stil bezeichne ich den Schreibstil als kontingent, d.h. er hat keine notwendige Gestalt – anders als beispielsweise die "Bewegung" der Sonne, die immer im Osten auf- und im Westen untergeht. Das Thema Kontingenz reizte mich über die Stil-Frage hinaus. Was in unserem Leben, in unserer Welt ist kontingent und was notwendig? Kontingenz ... wow, was für ein geflügeltes Wort und bedeutendes Thema für einen Roman, dachte ich. Sogar Thomas Manns Jahrhundertwerk „Der Zauberberg“ handelt davon, ebenso Robert Musils berühmter Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“. Um „Die Heilanstalt“ zu übertreffen, hielt ich es für nötig, mich eines solch gehobenen Themas anzunehmen. Ja, das würde Eindruck machen und mir zum literarischen Durchbruch verhelfen – Red Carpet, Here I Come, Baby!

Gesagt, getan – ich setzte mich ans Reißbrett. Nach einiger Überlegung notierte ich ein paar Stichworte, versuchte mich an einer Handlungsskizze, fand alles scheiße und löschte den Entwurf wieder. Was soll’s, dachte ich, kann passieren. Hauptsache, ich verliere dieses wichtige Thema der Kontingenz nicht aus den Augen – dieses Pulitzer-Preis-Thema. Also startete ich einen neuen Versuch: Stichworte, Skizze, Beurteilung … alles scheiße, ab in den Papierkorb. Das wiederholte ich gefühlte dreitausend Mal, bis ich ernsthaft ins Grübeln geriet. Warum wollte mir zu diesem grandiosen Thema keine vernünftige Story einfallen? Hatte ich ebenso große Schwierigkeiten mit dem Anfang der „Heilanstalt“? Auf keinen Fall. Ich konnte mich überhaupt nicht erinnern, jemals so sehr mit dem weißen Papier gerungen zu haben. Woran lag es also?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich über diese Frage noch heute brüten würde und vielleicht sogar in eine tiefe Schreibkrise gestürzt wäre, wäre mir nicht vor einigen Wochen Stephen King’s Buch „Das Leben und das Schreiben“ in die Hände gefallen. Normalerweise lese ich nicht besonders schnell, aber dieses Buch habe ich innerhalb eines Nachmittags verschlungen. Der Abschnitt zur Ideenfindung (das Kapitel, das ich meine, heißt „Über das Schreiben“) war für mich eine Offenbarung. Mit einem Mal verstand ich, was mein Problem war: Ich hatte die Reihenfolge von Themen- und Ideenfindung vertauscht. Mit anderen Worten: Von einem bewusst ausgesuchten Thema lässt sich keine Idee ableiten oder Handlung konstruieren. Vielmehr erwachsen aus einer Idee im Laufe des Schreibprozesses eine Handlung und ein Thema, ja sogar Symbolik, auf die Literaturkritiker und Feuilletonisten so großen Wert legen. Von der Idee geht alles andere aus. Und eine Idee lässt sich nicht am Reißbrett entwerfen!
Einer von vielen erhellenden Absätzen aus Kings Buch, die ich mir am liebsten eingerahmt über den Schreibtisch hängen würde, lautet:

„Es gibt keinen Ideenfriedhof, kein Geschichtenkaufhaus und keine Insel der begrabenen Bestseller; gute Geschichten scheinen buchstäblich aus dem Nichts zu kommen, aus dem blauen Himmel segeln sie direkt auf uns zu.“

Wie wahr das ist! Als ich damals mit der „Heilanstalt“ begonnen habe, hatte ich keine Ahnung, welche tieferen Botschaften und Themen der Roman einst zwischen den Zeilen transportieren würde.
In einem Interview mit der ABS-Leseecke wurde ich gefragt, wie ich zu der Idee für „Die Heilanstalt“ gekommen bin (die vermutlich meistgestellte Frage seit der Erfindung der Autoren-Interviews). Meine Antwort lautete:

„Es mag seltsam klingen, aber ich habe die Anfangsszene des Romans geträumt und nach dem Aufwachen aufgeschrieben, weil sie eine starke emotionale Wirkung auf mich ausgeübt hat. Ich träumte, in eine hell erleuchtete Stätte einzukehren, in der alles gut zu sein scheint. Aber zugleich spürte ich jenseits dieser zutraulichen Kulisse finstere Mächte, vor denen man sich zu fürchten hatte. Dieses Gegensatzpaar von Schein und Wirklichkeit hat mich fasziniert und erschauern lassen. Ich hatte das Gefühl, ein großes Romanthema gefunden zu haben und habe die Idee daher weiter ausgearbeitet.

Das alles entspricht der Wahrheit, bis auf den letzten Satz – der ist glatt gelogen (vielleicht war ich zum Zeitpunkt des Interviews auch der Meinung, die Wahrheit zu sagen). Als ich die erste Szene der „Heilanstalt“ geschrieben habe, wusste ich einen Scheiß darüber, wohin das alles führen würde. Ich habe mir keine Gedanken über die weitere Entwicklung der Handlung gemacht und war auch nicht angetrieben von dem Gefühl, einem großen Romanthema auf der Spur zu sein. Die Wahrheit ist, dass ich einen zufälligen Traum zu Papier gebracht habe, ohne mir viel dabei zu denken. Und weil das Schreiben dieser Szene und der aus ihr entstehenden Geschichte riesigen Spaß gemacht hat, habe ich weitergemacht.
Stephen King vergleicht die Entwicklung der Romanhandlung mit der Ausgrabung eines Fossils – ein wunderbares Bild für den Prozess des entdeckenden Schreibens.

„Manchmal legt man ein kleines Fossil frei: eine Muschel. Manchmal ist es riesengroß, ein Tyrannosaurus Rex mit gigantischen Knochen und grinsendem Schädel. Doch ob Kurzgeschichte oder Mammutwerk von tausend Seiten, die Ausgrabungstechnik ist im Grunde die gleiche.“

Zu einer vorgefertigten Handlungsskizze schreibt King: 

„Ein Plotschema ist in meinen Augen die letzte Zuflucht des guten Schriftstellers und die erste Wahl des Einfaltspinsels. Eine solche Geschichte kann nur künstlich und konstruiert klingen.“

Ich will keine ausufernde Werbung für King’s Buch machen. Aber es hat mir den Unfug ausgetrieben, eine Handlung am Reißbrett entwerfen zu wollen, ausgehend von einem vermeintlich markttauglichen und literarisch hochwertigen Thema. „Das Leben und das Schreiben“ hat mich auf den rechten Weg zurückgeführt und mich daran erinnert, wie gute und authentische Romane entstehen.
Eine Idee lässt sich nicht auf Kommando finden oder konstruieren. Sie fliegt einem so unverhofft zu wie ein Schmetterling an einem milden Frühlingstag. Dann ist es die Aufgabe des Schriftstellers, das Fangnetz herauszuholen und diesen Schmetterling einzufangen, bevor er davonflattert (das ist eine nicht zu unterschätzende Gefahr, also bitte niemals ohne Notizblock das Haus verlassen!). Die eingefangene Idee ist die Ausgangsbasis für einen Roman, eine Kurzgeschichte oder was auch immer. Im Fall der „Heilanstalt“ war der Schmetterling jene Szene, die mir damals im Traum erschienen ist und die ich (glücklicherweise) sofort nach dem Aufwachen zu Papier gebracht habe (hätte ich das nicht getan, gäbe es den Roman heute mit großer Wahrscheinlichkeit nicht). Ausgehend von diesem Startpunkt werden wir zum Beobachter unserer eigenen Geschichte: Wir schauen zu, wie die Charaktere sich verhalten, wie sie sich aus einem Konflikt befreien, werden Zeuge von Intrigen, Verrat, Kameradschaft, Liebe, Hass und all den anderen zwischenmenschlichen Komponenten, aus denen Romane entstehen. Unsere Protas werden zu eigenständig handelnden Personen, die wir kaum – oder gar nicht – unter Kontrolle haben. 
Stephen King beschreibt das so:

„Die Situation ist der Ausgangspunkt. Dann kommen Figuren. […] Oft habe ich eine gewisse Vorstellung, wie das Ganze ausgehen könnte, aber noch nie habe ich von den Figuren verlangt, dass sie so handeln, wie ich es erwarte. Ganz im Gegenteil: Sie sollen auf ihre Weise handeln. In manchen Fällen geht es so aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Meistens aber nimmt es ein Ende, mit dem ich niemals gerechnet hätte. Für jemanden, der Thriller schreibt, ist das etwas Tolles. Schließlich bin ich nicht nur der Autor des Romans, sondern auch sein erster Leser. Und wenn selbst ich, der ich das zukünftige Geschehen kenne, nicht mit Sicherheit weiß, wie sich das verfluchte Ding entwickelt, dann kann ich schon stark davon ausgehen, dass der Leser später gespannt Seite um Seite umblättern wird. Warum soll man sich überhaupt so viele Gedanken über das Ende machen? Warum immer alles unter Kontrolle haben? Früher oder später findet jede Geschichte ihren Ausgang.“

Was King hier beschreibt, ist die Magie des kreativen Schreibens – fernab von einem vorgefertigten Handlungsschema und einem im Vorfeld festgelegten Thema.
Wir können uns kein Romanthema aussuchen, das sich mit dem aktuellen Markttrend deckt und gute Tantiemen verspricht. Wir können nur den Schmetterling einfangen, der uns aus dem blauen Himmel entgegenflattert, und dabei zusehen, wie das Verhalten unserer Protas eine Geschichte entstehen lässt. Auf das, was der Schmetterling in seiner Zaubertüte bereithält, haben wir nicht den geringsten Einfluss. 
In Kings Worten:

„Ganz und gar nicht in Ordnung wäre, wenn Sie das, was Sie kennen und mögen, fallen ließen, um sich Themen zuzuwenden, mit denen Sie meinen, Freunde, Verwandte und die Kollegen im Literaturzirkel beeindrucken zu können. Genauso falsch wäre es, sich absichtlich ein Genre oder einen Stil vorzunehmen, um damit Geld zu verdienen. Zum einen ist es moralisch bedenklich […] Außerdem, liebe Brüder und Schwestern, funktioniert es nicht. Wenn ich gefragt werde, warum ich mich entschieden habe, das zu schreiben, was ich nun mal schreibe, denke ich immer, die Frage ist verräterischer als jede mögliche Antwort, die ich darauf geben könnte. Wie das zähe Zeug in einem Tootsie-Pop-Lutscher versteckt sich darin die Annahme, dass der Schriftsteller Kontrolle über seinen Stoff hat, und nicht umgekehrt. Ein ernsthafter, engagierter Schriftsteller ist gar nicht in der Lage, Material zu taxieren, so wie ein Investor vielleicht verschiedene Börsenwerte abschätzt und sich dann die heraussucht, die ihm einen guten Ertrag zu verheißen scheinen. […] Leser lassen sich im Großen und Ganzen nicht von der literarischen Qualität eines Buches zum Kauf animieren; sie wollen eine gute Geschichte mit ins Flugzeug nehmen, die sie zunächst fesselt und dann hineinzieht und zum Umblättern zwingt. […] Ich bin überzeugt, dass es unmöglich ist, diese Leserbindung vorsätzlich herzustellen, indem man den Buchmarkt einschätzt, als wäre man ein Buchmacher auf der Rennbahn mit einem heißen Tipp.“   

So offenbarend diese Zeilen für mich waren, so bewusst wurde mir mein vollkommen falscher Ansatz. Dass ich mir die Kontingenz als großes, bedeutendes Thema vorgenommen hatte und zu allem Überfluss einen Plot am Reißbrett entwerfen wollte, war so schreibhemmend, als hätte ich mir die Fingerkuppen mit Salzsäure verätzt. Das war nicht nur Totschlag, sondern Mord an jeder Kreativität. Ich habe der Magie des Schreibens ein Kissen aufs Gesicht gedrückt, bis ihre Atmung und ihr Herzschlag aussetzten und nicht mehr das geringste Zucken der Lebendigkeit zu spüren war.

„Die Heilanstalt“ habe ich nicht nach einem vorgefertigten Handlungsschema geschrieben. Ich hatte den Schmetterling eingefangen, die Ausgangssituation zu Papier gebracht und als erster Leser meiner eigenen Geschichte das Geschehen beobachtet, als würde ich mir einen Film im Kino ansehen. Die Themen und Symbolik haben sich erst im Laufe des Schreibprozesses herausgeschält wie die Frucht unter einer harten Schale. Ich hatte das Fossil im Boden entdeckt und es nach und nach freigeschaufelt, in immer neuem Erstaunen darüber, was Stück für Stück zum Vorschein kam.

Was ist in der Zwischenzeit geschehen? Nun, das große, bedeutende Thema der Kontingenz schlummert (ganz sicher bis in alle Zeit) in den Tiefen meines Papierkorbs – und vor wenigen Tagen ist mir völlig unverhofft ein Schmetterling zugeflattert, der ganz sicher nicht einmal weiß, wie man das Wort „Kontingenz“ buchstabiert. Die Idee hat nichts mit meinen wochenlangen Überlegungen zu tun, nichts mit meinen großen, literarischen Plänen, vor denen sich der rote Teppich ausrollen sollte. Sie scheint gar nicht aus den Kisten und Schubladen meines Unterbewusstseins zu stammen – und doch war sie plötzlich da. Die erste Szene habe ich bereits zu Papier gebracht (ich habe den Faden aufgenommen), und nun werde ich beobachten, was geschieht. Ich denke nicht mal ansatzweise an Vermarktung und Verkaufszahlen, an Leserstimmen, Literaturkritiker oder Feuilletonisten; ich schließe die Augen, lasse mich fallen und gebe mich der Magie des Schreibens hin, die mich wie ein orientalischer Zauberteppich an wundersame Orte der Fantasie schweben lässt.

Das ist mein Weg, auf den ich zurückgefunden habe, und endlich fühle ich mich wieder so glücklich und unbeschwert wie zu jener Zeit, als ich „Die Heilanstalt“ geschrieben habe. 

Die Chancen, dass ich mit meinem neuen Buch den Pulitzer-Preis gewinne, stehen, ehrlich gesagt, ziemlich schlecht. Aber ich habe die Freude am Schreiben wiederentdeckt, die Geschichte beruht auf wahrer Lust am Erfinden und Erzählen, und nicht auf Kalkulation und Marktanalyse. Ich habe einen Mordsspaß mit meinem neuen Roman - und damit stehen die Chancen wirklich gut, dass auch meine Leser Spaß haben werden. ;-)