Sonntag, 29. Juni 2014

Innehalten als Schlüssel zur Produktivität

Innehalten und Produktivität? Ist das kein Widerspruch?

Die meisten Arbeitgeber sehen hier wohl tatsächlich zwei konträre und unvereinbare Dinge. Wenn man ausruht, leistet man nichts, vergeudet man seine Zeit und gleicht einem müden Hund, der sein Leben verschläft. So das allgemeine Diktum. Das Nichtstun ist in unserer Gesellschaft verpönt, der Burnout hingegen eine edle Erkrankung, bei der die Kollegen einem anerkennend auf die Schulter klopfen. „Wow, musst du geschuftet haben, dass du vor Erschöpfung umgekippt bist. Respekt!“

Diese Bestandsaufnahme mag überspitzt sein, verdeutlicht aber die Grundzüge unserer extremen Leistungsgesellschaft, die inzwischen – für mein Dafürhalten – krankhafte Züge angenommen hat. In einer Welt, deren Angelpunkt das höher-weiter-schneller-Prinzip ist und in jeder Hinsicht auf Turbo getrimmt ist, fällt es schwer, ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen. Sehr viel leichter erkrankt man an Depression und Burnout – den neuen Volkskrankheiten.

Wegen des enormen Leistungsdrucks, der uns buchstäblich in die Wiege gelegt wird, tun viele Menschen nicht das, was sie wirklich wollen und am besten können, sondern das, was sie glauben, tun zu müssen. Was keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen abwirft, wird als Zeitverschwendung angesehen. Diesen Wahnsinn halten viele nur mit Antidepressiva und Psychopharmaka aus. Seit dem Aufkommen mobiler Endgeräte wie Smartphones und Tablets ist unsere Welt verdammt in Eile geraten. Arbeit ist praktisch jederzeit und überall möglich. Rund um die Uhr prasseln Informationen schneller auf uns ein, als wir sie verarbeiten können. Die daraus folgende Reizüberflutung führt zu Stress, Schlafmangel und einem Gefühl des Ausgebranntseins.

Wir befinden uns mit Vollgas auf der Überholspur und ignorieren – aus Angst, den Anschluss zu verlieren – die hektisch flimmernden Warnlampen im Armaturenbrett. Wir drücken das Gaspedal so lange durch, bis der Motor qualmt oder uns der Sprit ausgeht. Dabei wäre es so leicht, zwischenzeitlich einen Gang runterzuschalten und an einer Gaststätte anzuhalten.

Kreativität lässt sich nicht takten

Auch ich war einige Zeit auf der Leistungsschiene. Mit festen Schreibzeiten und Pensen wollte ich für Quantität sorgen. Drei Bücher im Jahr sollten es sein – mindestens. Beim Schreiben habe ich den Timer meines Smartphones auf eine Stunde gestellt. Nach Ablauf dieser Zeit – das Signal war ein schriller Klingelton, der stets wie ein Damoklesschwert über mir hing – mussten 1.000 Worte stehen, koste es, was es wolle. Mit dem Zeitdruck im Nacken gebe es keine Prokrastination, so meine Überlegung. Was das angeht, hatte ich sogar recht: Das Pensum habe ich in der Regel geschafft, die vorgegebene Quantität also erreicht. Doch nach einer Weile habe ich die miese Qualität meiner Arbeit erkannt. Die Texte wirkten lieblos hingeschmiert (was sie aufgrund des Zeitmangels größtenteils auch waren!), ohne Sinn für Details, Glaubwürdigkeit und Einfallsreichtum.

Aber was noch schlimmer war: Ich fühlte mich mit dem künstlichen Druck nicht wohl. Das Schreiben hat mir – anders als früher – keine Freude mehr bereitet. Vielmehr habe ich es als Pflichtübung empfunden. Das Schreiben war keine magische Reise ins Unterbewusstsein mehr, kein wundersames Träumen im Wachzustand, sondern unliebsame Arbeit, die möglichst pragmatisch zu erledigen ist – wie Geschirrspülen oder Aufräumen. Ich habe mich aufs Schreiben nicht mehr gefreut, sondern beim Anblick der Tastatur das Gesicht verzogen, als hätte ich in eine Zitrone gebissen. Irgendwann wurde mir klar, dass das nicht mein Weg ist. Mit dem Timer im Nacken schreibe ich weder gute Romane noch habe ich Freude am Schreiben.

Um es in einem Satz zu sagen: Kreativität lässt sich nicht takten.

"Ein Buch will seine Zeit wie ein Kind."

Feste Schreibzeiten helfen zwar, einen beständigen Fortschritt zu erzielen. Aber wenn wir unsere Kreativität in ein allzu enges Korsett schnüren, erstickt sie. Wir müssen sie atmen lassen und ihrem Willen folgen. Unsere Inspiration hält sich nicht an Termine, wir müssen uns nach ihr richten. Hin und wieder beehrt sie uns, doch lässt sich ihr Erscheinen nicht planen und noch weniger erzwingen. Wenn uns eine Idee zuflattert, müssen wir das Netz auswerfen und sie einfangen. Aber wenn uns einmal nichts Besonderes einfällt, dürfen wir uns nicht grämen, sondern müssen eben auf die nächste Gelegenheit warten. Wenn wir unsere Muse in den Würgegriff nehmen und zum Reden zwingen wollen, wird sie uns gar nichts verraten. Im schlimmsten Fall bleibt die Dame aus Bockigkeit wochenlang fern. Wir brauchen Ruhe und Geduld, um unsere Fantasie zu entfalten. Mit Druck lässt sich beim kreativen Schreiben nichts erreichen.

Dieser Beitrag soll keine Hymne an die Bequemlichkeit sein. Ich will nicht sagen, dass wir uns den ganzen Tag in die Hängematte legen sollen, bis uns zufällig ein großartiger Einfall ereilt. Aber ich behaupte Folgendes: Das höher-weiter-schneller Prinzip ist ein Killer für die Kreativität und für die Leistungsfähigkeit überhaupt. Es bringt weder bedeutende (geistige) Leistungen hervor, noch ebnet es den Weg in ein glückliches Leben. Vielmehr schadet ein extremer Leistungsdruck der Gesundheit und führt zu psychischen Erkrankungen. Damit ist unserer Gesellschaft beileibe nicht geholfen. Deshalb fordere ich ein Umdenken – seitens der (Bildungs-)Politiker und Arbeitgeber. Ist ein gesunder und zufriedener Arbeitnehmer, der über einen langen Zeitraum eine zuverlässige Leistung erbringt, nicht sehr viel wertvoller als ein Hochleistungsangestellter, der nach kurzer Zeit krankheitsbedingt aus dem Unternehmen ausscheidet? Spendet eine Lampe, die lange mittelstark brennt, nicht erheblich mehr Licht als ein gleißend heller Strahler, der nach kurzer Zeit durchschmort?

Wir sind Menschen, keine Roboter. Deshalb brauchen wir Ruhe und Erholung. Wer gute Bücher schreiben will, sollte sich in ein stilles Zimmer ohne Uhr zurückziehen. Kreativität verträgt sich mit keinem Terminkalender. In der Ruhe liegt die Kraft, und aus der Ruhe schöpfen wir neue Energie. Aus diesem Grund ist ein regelmäßiges Innehalten der Schlüssel für eine dauerhafte Produktivität und Voraussetzung für ein gesundes und glückliches Leben.

Niemand fühlt sich wohl, wenn der Timer als Damoklesschwert über ihm baumelt. Qualität braucht Zeit, und Kreativität verlangt Entfaltung in ruhiger Stunde.


Um es mit Heinrich Heine zu sagen: 
„Ein Buch will seine Zeit wie ein Kind. Alle schnell in wenigen Wochen geschriebenen Bücher erregen bei mir ein gewisses Vorurteil gegen den Verfasser. Eine honette Frau bringt ihr Kind nicht vor dem neunten Monat zur Welt.“

Dienstag, 17. Juni 2014

Versagensangst

Der deutsche Dichter Robert Gernhardt schrieb:

Ich leide an Versagensangst,
besonders, wenn ich dichte.
Die Angst, die machte mir bereits
manch schönen Reim zuschanden.

Höchstwahrscheinlich litt Gernhardt beim Schreiben dieses Gedichts nicht an Versagensangst – sonst hätte er diese kreativen Zeilen gar nicht zustande gebracht.
Was in diesem Gedicht so humorvoll anklingt, ist ein ernstes Problem für alle Betroffenen. Vermutlich leidet jeder – der eine mehr, der andere weniger – an Versagensangst, sei es in der Schule, im Beruf, in der Beziehung, vor wichtigen Prüfungen oder bei kreativen Tätigkeiten wie dem Schreiben. Doch gesprochen wird darüber selten. Versagensangst ist – wie Ängste und Sorgen im Allgemeinen – ein Tabuthema. Wir leben in einer konkurrenzbetonten Leistungsgesellschaft, in der Angst eine (Charakter-) Schwäche darstellt.

Wenn wir unsere Ängste also nicht offenbaren dürfen, müssen wir sie verbergen. Nicht nur vor anderen, auch vor uns selbst. Wir kehren sie unter den Teppich wie Unrat, den wir lieber schnell beiseiteschaffen, anstatt ihn ordentlich zu entsorgen. Auf diese Weise lassen Ängste sich aber nicht nachhaltig überwinden, sondern nur übertünchen wie Pickel unter einer dicken Schicht Make-Up. Auch wenn wir sie nicht mehr sehen, sind die Pickel noch da – und entzünden sich mit der Zeit zu eitrigen Wunden. Wenn wir unsere Ängste besiegen wollen, müssen wir uns ihnen stellen und begreifen, woher sie rühren. Von nun an spreche ich nicht mehr über Ängste im Allgemeinen, sondern speziell über die Versagensangst beim kreativen Schreiben.

Möglicherweise haben wir bereits eine Geschichte verfasst, vielleicht sogar mehrere, mit denen wir sehr zufrieden sind und für die wir vielfach gelobt wurden. Eigentlich wissen wir also, dass wir es können, und haben keinen Grund zur Annahme, dass wir fortan nichts Gescheites mehr zu Papier bringen werden. Und doch geht uns der Anfang des neuen Buches schwer von der Hand; das weiße Blatt Papier treibt uns in den Wahnsinn. Tausend Gedanken wirbeln durch unseren Verstand, doch verursachen nur weißes Rauschen. Wir hassen die vielen Entwürfe, die uns im Kopf umherschwirren, bevor wir sie aufgeschrieben haben. Wir entwerfen und verwerfen beinah im selben Augenblick, halten eine Idee fest, die uns entgegenflattert, und lassen sie weiterziehen, noch ehe wir sie von allen Seiten betrachtet haben. Wir drehen uns im Kreis und treten auf der Stelle; in der Anstrengung, unsere früheren Werke zu übertrumpfen, kommen wir bei aller Mühe nicht voran.

Die Ursache erraten wir nicht, denn wir haben sie verdrängt: Die Versagensangst.
Die Sorge, beim Schreiben zu scheitern und auf Missfallen bei den Lesern zu stoßen, hemmt unsere Kreativität, fesselt und knebelt sie wie eine Geisel. Dabei entfaltet unsere Phantasie sich nur, wenn wir ihr freien Lauf lassen. Oft nehmen wir sie an die Leine aus Angst, sie könnte uns entgleiten. Die Furcht vor dem Kontrollverlust verwandelt uns in einen Ordnungshüter mit Trillerpfeife, der jeden ausgerissenen Gedanken zurückbeordert: „Hey, wohin willst du? So war das nicht geplant! Schön zurück ins Schema, klar?“

So funktioniert das aber nicht. Am Anfang steht eine Idee, eine vielversprechende Ausgangssituation – mehr nicht. Was folgt, ist Gedankenflug, ein wundersames Entfalten der Vorstellungskraft, ein Eintauchen in den tiefen Ozean unserer Ideenwelt. Doch diese Reise müssen wir zulassen, ohne Gurt und Sturzhelm. So wie wir Überwindung brauchen, um in eine Achterbahn zu steigen oder vom 10-Meter-Brett zu springen, so brauchen wir den Mut, unsere Phantasie von den Ketten zu lösen und ins Ungewisse zu stürzen.
Im schlimmsten Fall landet unser Entwurf im Papierkorb. Umsonst war die Reise trotzdem nicht, und zumeist bringen wir einen Einfallsreichtum hervor, den wir kaum für möglich gehalten hätten, eine Ideenvielfalt, die sich nicht am Reißbrett entwerfen lässt. Jede Geschichte, die einem Plotschema folgt, muss künstlich und konstruiert wirken. Nur der freie Flug der Gedanken bringt Authentizität hervor.

Die Versagensangst verhindert den Gedankenflug und Kreativität im Allgemeinen. Die Sorge, zu scheitern, lässt uns so lange grübeln und brüten, bis der letzte Funke unserer Inspiration verflogen ist. Wir suchen die perfekte Handlungsskizze, mit der nichts schiefgehen kann, und verkennen, dass wir schreiben müssen, um Ideen zu finden. Die Versagensangst verhindert das Schreiben, und die Unfähigkeit zu schreiben schürt die Versagensangst – ein Teufelskreis. In unserem Bemühen, alles richtig zu machen, erstarren wir zur Salzsäule und blicken nach Stunden, Tagen, ja vielleicht gar noch nach Wochen und Monaten auf das weiße Blatt Papier. Die Angst vor Fehlern und Kritik lähmt uns bis zur Bewegungsunfähigkeit und führt uns in eine handfeste Schreibblockade. Dabei sollte uns eine entscheidende Einsicht ermutigen: Wir können es niemals allen Lesern recht machen. Wenn wir uns vor Augen führen, dass unser Text nicht perfekt sein muss, ja niemals perfekt sein kann, werden wir den Mut finden, unserer Vorstellungskraft zu folgen und einen Anfang zu machen. Wenn wir uns einmal getraut haben, in die Achterbahn zu steigen oder vom 10-Meter-Brett zu springen, schreien wir bald vor Freude. Die Angst ist vor der Abreise am größten; sind wir erst unterwegs, ist sie verflogen, noch ehe wir es bemerken.

Es ist noch nicht zu spät, den Schritt zu wagen: Unsere Kreativität röchelt noch unter dem Kissen, das wir ihr aufs Gesicht drücken; lassen wir sie atmen. Unsere Phantasie murmelt noch unter dem Knebel, den wir ihr in den Mund gestopft haben; lassen wir sie sprechen. Unsere Inspiration rüttelt an den Schlaufen, mit denen wir sie an den Stuhl gefesselt haben; lassen wir sie frei.


Magie und Zauberei sind die Reiseführer auf dem Weg ins Unterbewusstsein, wo unsere Träume und Gedanken ruhen. Sie sind der Stoff, aus dem Geschichten sind; wir müssen nur das Fangnetz auswerfen und die Schätze heben. Das ist das Wunder der Phantasie und das Geheimnis des kreativen Schreibens.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Rezension zu "Wächter der Erinnerungen" auf Beckys World of Books

Die Buchbloggerin Rebecca Humpert hat meinen jüngsten Roman "Wächter der Erinnerungen" auf ihrem Blog "Beckys World of Books" besprochen.

Was sie von der Geschichte und dem Schreibstil hält und welche Gesamtwertung sie dem Buch gegeben hat, erfahrt ihr hier. :)

Rezension auf Beckys World of Books