Montag, 10. August 2015

Kurzgeschichte: Der Schriftsteller

„Seit wann sind Sie der Ansicht, in einer fiktiven Welt zu leben?”
„Das hat nichts mit Ansicht zu tun.”
„Womit dann?”
„Mit Überzeugung. Ich weiß es einfach.”
„Verzeihen Sie. Woher wissen Sie es?”
„Das weiß ich nicht.”
„Aber was führt Sie zu dieser Annahme, Verzeihung, zu dieser Überzeugung?”
„Du verstehst wirklich gar nichts. Aber wie könntest du auch.”
„Was verstehe ich nicht?”
„Na, dass du eine Marionette bist.”
„Wie bitte?”
„Kennst du die Redewendung nicht?”
„Doch, selbstverständlich. Aber …”
„Du wirst kontrolliert.”
„Von wem?”
„Na, von ihm!”
„Wer ist er?”
„Der Schriftsteller.”
Der Psychiater hält inne.
„Sie denken also, Verzeihung, Sie sind überzeugt, Sie befänden sich in einer erdachten Geschichte?”
„Bingo!”
„Heißt das, auch ich bin ein Teil der Geschichte und existiere gar nicht?”
„Na, klar! Wie sollte er dich sonst kontrollieren?”
„Allerdings fühle ich mich sehr real.”
„Du fühlst überhaupt nichts.”
Was sagen Sie?”
„Dass du nichts fühlst, weil er dich nichts fühlen lässt.”
Der Psychiater spürt Wut in sich aufsteigen.
„Sie irren. Gegenwärtig bin ich leicht erregt, sogar ein wenig zornig.”
„Wie reizend. Ihm ist gerade eingefallen, dass es neben der wörtlichen Rede auch noch andere stilistische Mittel gibt.”
„Ich kann Ihnen nicht folgen.”
„Er ist bemitleidenswert untalentiert.”
„Wer?”
„Na, wer schon?”
„Der Schriftsteller?”
„Der Schriftsteller!”
„Wäre das, was Sie sagen, wahr, würde ich über keinen freien Willen verfügen.”
„Glaub mir, Freundchen, das tust du auch nicht.”
Der Psychiater klatscht drei Mal kräftig in die Hände.
„Das habe ich also nicht aus freiem Willen getan?”
„Nein. Er hat es dich tun lassen.”
Der Kerl ist völlig verrückt, denkt der Psychiater.
„Du hast gerade gedacht, ich sei ein verrückter Kerl.”
„Woher wissen Sie das?!”
„Ich kann mehr sehen als das, was zwischen den Anführungszeichen steht.”
„Wie ist es möglich, dass Sie meinen Gedanken gelesen haben?”
„Du hast es wohl immer noch nicht begriffen.”
Der Psychiater zögert. „Ihr Weltbild enthält einen Widerspruch.”
„Jetzt bin ich aber gespannt …”
„Wenn wir Figuren in einer fiktiven Geschichte wären, müssten Sie ebenso seiner Kontrolle unterliegen.”
„Ich bin ihm entglitten.”
„Entglitten?”
„Ganz genau.”
„Wie das?”
„Jede fiktive Figur besitzt ein Eigenleben, das sich manchmal der Macht des Schriftstellers entzieht.“
„Zugegeben, es war beeindruckend, dass Sie meinen Gedanken gelesen haben. Aber haben Sie noch überzeugendere Beweise für Ihre Theorie, pardon, Überzeugung?”
„Du Einfaltspinsel. Sieh dich doch mal um.”
„Worauf wollen Sie hinaus?”
„Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Die Welt ist leer!”
„Leer?”
„Leer! Eine weiße Kulisse! Weil dieser Nichtskönner sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, die Umgebung zu beschreiben.”
„Ich kann Ihnen nicht folgen.“
„Was umgibt dich, hm? Was siehst du? Gar nichts, oder etwa doch?”
Der Psychiater lässt den Blick an den holzverschalten Wänden des Büros entlangwandern und mustert die Urkunden, die nebeneinander an der Wand hängen. Der Fußboden besteht aus schwarzem Marmor, und an der Decke hängt ein Kronleuchter. Zuletzt betrachtet der Psychiater seinen breiten, aufgeräumten Schreibtisch.
„Nun, die Wände meines Büros sind holzverschalt, der Boden aus schwarzem Marmor, an der Decke hängt ein Kronleuchter …”
„Holzwände und ein Marmorboden? Ein Kronleuchter in einem Büro? Wie glaubwürdig klingt das?”
„Nun, dieses Zimmer ist …”
„Erfunden. Ausgedacht. Ein lächerliches Hirngespinst.“
„Ich übe meinen Beruf schon lange aus. Doch es fällt mir beileibe nicht leicht, Ihnen zu helfen.”
„Wie sehe ich aus?”
„Wie meinen Sie …”
„Sag schon. Wie sehe ich aus?”
„Nun …“
„Ha! Er kann mich nicht mehr nach seinem Willen handeln lassen und nicht mehr beschreiben. Das schaffst du auch. Konzentriere dich auf dein Eigenleben!”
„Kommen Sie zur Vernunft.”
„KONZENTRIERE DICH!”
„Bitte beruhigen Sie sich.”
„Na schön, du lässt mir keine Wahl.”
„Was haben Sie vor?”
„Ich werde es beenden.”
„Unser Gespräch?”
„Diese Geschichte.”
„Hören Sie auf mit dem Unsinn!”
„Das werde ich.”
„Wie wollen Sie das anstellen?”
„Durch pure Willenskraft. Wären in dieser Geschichte noch andere Figuren anwesend, würde ich mit jeder ein so langes Gespräch führen, um wenigstens eine zu finden, die bereit wäre, mir zu folgen. Aber du bist die Einzige und zweifellos ein hoffnungsloser Fall, also bringe ich es zu Ende.”
Der Psychiater zieht ein Rollo hoch und offenbart den Blick auf eine überlaufene Fußgängerzone.
„Sie meinen Menschen wie diese?”
„Oh, dieser Mistkerl!”
„Ich möchte Ihnen doch nur helfen.”
„Er benutzt dich, um mich aufzuhalten. Er wird dich sogar Gewalt anwenden lassen. Ich kenne ihn. Lange war ich selbst eine seiner Figuren.”
„Ich bin nicht gewalttätig!”
„Ich werde mich jetzt konzentrieren, dann ist alles schnell vorbei.”
Der Psychiater greift nach einem Brieföffner und umklammert ihn wie einen Dolch.
„Ha! Worauf willst du deinen unglaubwürdigen Psychiater einstechen lassen, hm? Du hast keine Kontrolle mehr über mich und weißt gar nichts von mir. Nicht einmal, wo ich mich befinde.”
Der Psychiater fuchtelt hektisch mit dem Brieföffner herum und trifft nur ins Leere.
„Die Menschen dort draußen sind deine Falle, in die ich nicht tappen werde. Leb wohl, Simon, das ist das Ende deiner Geschichte!”