Sonntag, 21. August 2016

Neuer Thriller: Leseprobe

Staub glänzte im grellen Licht des Strahlers, wirbelte umher, sank nieder und erhob sich wieder in kaum merklichen Luftzügen.
Das Licht beschien nur einen Ausschnitt der alten Lagerhalle, rings umher war nichts als Dunkelheit, so als blickte man auf eine kleine, beleuchtete Bühne.
Mitten auf dieser Bühne befand sich der Metallstuhl, an den Andreas Richter den Mörder seiner dreizehnjährigen Tochter gefesselt hatte.
Die Hand- und Fußgelenke des Schweins hatte er mit Kabelbindern fixiert, seine Augen mit einem weißen Leinentuch verbunden, und seinen Mund mit einem roten Ball aus Hartplastik geknebelt, den ein um den Hinterkopf führender Gummizug auf Spannung hielt.
 Torsten Zanders – den seine braunen Kameraden Pyro nannten, weil er in doppeltem Wortsinn gern mit dem Feuer spielte – zerrte an den Kabelbindern und schabte sich die Handgelenke blutig. Der Plastikball war so nass wie ein Hunde-Kauknochen und ließ nur erstickte Laute zu.
Umpf! Hmpf! Hnnf!
Unaufhörlich tönten diese Laute durch die Halle, seit Pyro – erheblich früher, als erwartet – aufgewacht war. Andi hatte geglaubt, die Wirkung der K.-o.-Tropfen würde mindestens eine halbe Stunde länger anhalten. Aber das spielte keine Rolle; der kleine Wichser war hier, und er war gefesselt. Jetzt gehörte er ihm.
Als Andi der Meinung war, dass er das Bürschchen lange genug hatte zappeln lassen, setzte er sich in Bewegung und erzeugte durch seine Schritte ein Klopfen auf dem staubigen Beton.
Der Gefesselte verstummte und drehte aufgeregt den Kopf hin und her.
Andi blieb vor dem schmächtigen Skinhead stehen und starrte auf seinen kahlen Schädel herab.
„Hallo, Torsten“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Oder soll ich dich, wie deine Nazi-Freunde, Pyro nennen?“
Pyro erstarrte und hielt vor Schreck die Luft an. Dann wand er sich wieder stöhnend auf dem Stuhl und zerrte an den Kabelbindern.
Ummpf! Hmmpf! Hnnnf!
Ruckartig riss Andi ihm die Binde von den Augen. Mit der Sturmhaube, die nur Löcher für Mund und Augen hatte, dem Rollkragenpullover, der Jeans und den Handschuhen – alles so schwarz wie die Nacht – musste Andi für ihn genau das Bild abgeben, das Pyro von seinem Entführer erwartet hatte. Mit schwerem Atem und bebenden Nasenflügeln erwiderte der junge Skin seinen Blick.
„Ich nehme dir jetzt den vollgesabberten Ball aus dem Mund“, sagte Andi leise, fast im Flüsterton. „Wenn du schreist, nützt dir das nichts. Niemand weiß, dass wir hier sind, und niemand kann dich hören. Nicht mal, wenn du in ein Megaphon brüllen würdest.“
Pyro hörte stumm und reglos zu. An seinem von Akne befallenen Gesicht rann Schweiß hinab, der auf sein fleckiges Unterhemd tropfte.
„Wenn du trotzdem schreist“, fuhr Andi fort. „werde ich dir wehtun.“ Er beugte sich so weit hinab, dass seine Sturmhaube beinah die schwitzige Nasenspitze des Skins berührte. „Hast du mich verstanden, du Stück Scheiße?“
Pyro nickte so stürmisch, dass Schweißperlen von seiner Stirn flogen, und stöhnte Mhh-hmm.
Andi stellte sich wieder aufrecht hin. „Gut. Dann wollen wir uns mal unterhalten.“
Er zog an dem Ball und ließ ihn mit einem feuchten Flopp über Pyros Lippen rutschen, der am nunmehr schlaffen Gummizug über dem mageren Brustkorb hängenblieb. Aus der Nase des gefesselten Skins lief Rotze, und ein Speichelfaden baumelte ihm vom Kinn.
„Scheiße, wer bist du?“, keuchte Pyro. „Wo bin ich? Was zur Hölle …“
Andi griff nach dem Ball, so blitzschnell wie eine Schlange nach einem Kaninchen schnappt, und stopfte ihn wieder in Pyros Mund.
Hnnnnff! Hmmmpff!
Andi presste den Zeigefinger auf die Lippen und machte „Schhht“, als wollte er einen Störenfried in der Bibliothek zum Schweigen bringen.
„Ich stelle hier die Fragen.“ Das sagte er ruhig, aber bestimmt, so wie ein Erwachsener einem Kind erklärt, dass es nicht mit Streichhölzern spielen darf. „Du hältst erst mal dein Maul, klar?“
Pyro stieß einen widerwilligen Seufzer aus und zerrte einen Moment lang an den Kabelbindern. Schließlich beruhigte er sich wieder und nickte.
„Also, gut. Hier kommt Versuch Nummer Zwei.“
Erneut zog Andi ihm den Plastikball aus dem Mund, und diesmal presste Pyro die Lippen zusammen, als müsste er dringend pinkeln.
„Na, also. Geht doch.“ Andi zeigte ihm ein aufrichtiges Lächeln. Dann machte er einen Schritt zur Seite, worauf der grelle Strahler mitten in Pyros Gesicht schien. Der Skin kniff stöhnend die Augen zu und drehte den Kopf weg.
„Oje, tut mir leid“, sagte Andi und hielt sich betroffen eine Hand vor den Mund. „Warte, das haben wir gleich.“
Andi drehte den Strahler ein gutes Stück nach links, sodass sich der Stuhl nur noch im Randbereich des Lichts befand. Stattdessen stand nun eine hölzerne Werkbank in voller Beleuchtung, auf der allerlei Werkzeug lag: Zangen, Hämmer, ein Schraubstock, ein Eimer voll Nägel, eine Bohrmaschine und eine elektrische Kreissäge. Lauter Gerätschaften, die sich nicht nur zum Bearbeiten von Holz und Metall eigneten, sondern auch zum Knochenbrechen, Abtrennen von Gliedmaßen und Zerquetschen von Fingern, Zehen und Hodensäcken.
Scheiße!“, stieß Pyro hervor, als er die potenziellen Folterinstrumente sah, und zog eine weinerliche Grimasse.
So gemächlich, als spazierte er im Park, begab Andi sich zur Werkbank und betrachtete mit verschränkten Armen die Werkzeugsammlung. Sein Blick blieb an einem riesigen Schraubenschlüssel der Marke Gedore hängen, ein wahres Monstrum aus schwerem Metall. Mit beiden Händen hob er ihn von der Werkbank und pfiff durch die Zähne. „Meine Güte, damit könnte man glatt einen Elefanten erschlagen, was?“
Schmunzelnd wandte Andi sich von der Werkbank ab und ging zu Pyro zurück, der aufgeregt mit den ledernen Kampfstiefeln – schwarze Ranger Boots mit weißen Schnürsenkeln – auf dem Boden scharrte und seinen Entführer mit versteinerter Miene beobachtete. Den grobschlächtigen Schraubenschlüssel hielt Andi in einer Hand und ließ die Gabel geräuschvoll über den Boden schleifen, wie ein Poltergeist, der eine schwere Kette hinter sich herzieht.
Vor dem Stuhl blieb Andi breitbeinig stehen, nahm den Schraubenschlüssel wieder in beide Hände und hielt ihn quer vor der Brust.
„Bitte …“, raunte Pyro mit zitternder Unterlippe. „Was … was soll … “
„Weißt du, was ich tragisch finde, Pyro?“ Andi stellte den Schraubenschlüssel mit einem metallenen Klonk senkrecht auf die Gabel, stützte sich mit der rechten Hand auf dem abgerundeten Ende ab und blickte auf die Armbanduhr an seinem linken Handgelenk. „In weniger als zehn Minuten bricht das neue Jahrtausend an, und ausgerechnet du, der so ein Faible für Flammen und Explosionen hat, verpasst das große Feuerwerk.“
Pyro zog verwirrt die Stirn in Falten. „Was … Flammen und Explosionen … ich? Nein … wieso?
Andi grinste, aber es war kein humorvolles Grinsen. Es war das Zähnefletschen eines eingesperrten Raubtiers, das viel zu lange nicht gefüttert worden war. Bis vor kurzem hatte Andi nicht gewusst, dass er dieses mordlüsterne Grinsen beherrschte, und war vor seinem eigenen Spiegelbild zurückgeschreckt. Das war vor drei Tagen gewesen, als er den Plan gefasst hatte, diesen Hurensohn zu verschleppen und ihn für das, was er getan hatte, büßen zu lassen. Bei diesem teuflischen Grinsen zog seine Oberlippe sich ein Stück zurück und entblößte lediglich einen Teil der Schneidezähne und das darüber liegende Zahnfleisch. Ein echtes Hier-ist-Johnny-Grinsen, bei dem Jack Nicholson vor Neid erblasst wäre.
„Mh, komisch“, sagte Andi und drückte nachdenklich den Zeigefinger ans Kinn. „Deine Nazi-Freunde nennen dich doch Pyro, weil du schon als Kind Mülltonnen angezündet hast. Später waren es Tiere, nicht wahr? Mit vierzehn oder fünfzehn hast du angefangen, Hunde und Katzen mit Benzin zu überschütten und ein brennendes Streichholz auf sie zu werfen, um zu beobachten, wie sie in Flammen aufgehen und als lebendige Fackeln um ihr Leben rennen.“
Pyro war schon die ganze Zeit über blass gewesen, jetzt wurde er so bleich wie der Tod. Seine Augen wanderten rastlos zwischen Andis Sturmhaube und dem gewaltigen Schraubenschlüssel hin und her. „D-das … i-ich …“
„Deine Eltern wussten von deinen Brandstiftungen“, fuhr Andi fort. „Deine Geschwister wussten es, auch deine Schulkameraden. Jeder wusste Bescheid, was für ein krankes, kleines Arschloch du bist. Aber niemand hat dich angeschwärzt, weil sie Angst hatten, von dir flambiert zu werden.“
Pyro kniff die Augen zusammen und schüttelte wie ein widerspenstiges Kind den Kopf. Aus seiner Nase lief frischer Rotz, der ihm über die Lippen sickerte. 
„Mit der Zeit haben sich alle von dir abgewandt, stimmt’s, Pyro? Am Ende sogar deine Mutter, die von allen am längsten zu dir gehalten hat, vielleicht weil sie glaubte, es würde mit der Zeit besser mit dir werden.“ Andi zuckte mit den Schultern. „Aber das wurde es nicht. Du bist süchtig nach Brandstiftung, es gibt dir irgendeinen perversen Kick, nehme ich an.“
Andi beugte sich wieder zu ihm hinab, und diesmal waren seine Worte wirklich nur ein Raunen: „Wie fühlt sich das an, wenn du die Flammen züngeln siehst? Magst du den Geruch von Rauch und verbranntem Fleisch? Erregt dich vielleicht sogar der Anblick verkohlter Kadaver? Holst du dir auf verschmorte Hunde und Katzen einen runter?“
Pyro schüttelte immer noch den Kopf, aber tat es inzwischen halbherzig. Er schluckte schwer, und an seiner rechten Wange rollte eine Träne hinab.
„Die Einsamkeit hat dich fast in den Wahnsinn getrieben, hab ich recht? Wie oft hast du dich nachts in deiner kleinen, schäbigen Wohnung in den Schlaf geweint? Wie oft hast du wie ein kleines Mädchen geflennt, weil du allein warst und niemand dich geliebt hat? Hast wahrscheinlich sogar darüber nachgedacht, dich selbst abzufackeln, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten.“
Andi lächelte mitleidsvoll. „Die braunen Jungs kamen dir wie gerufen, oder? Sie waren die Einzigen, die dich nicht zurückgewiesen haben und bereit waren, dich in ihren Dunstkreis aufzunehmen.“ Andi zog die Augen zu Schlitzen. „Aber das musstest du dir verdienen. Tiere abzufackeln genügte nicht, um die Nazis zu beeindrucken. Vielleicht haben sie dir offen gesagt, was sie von dir erwarten, vielleicht haben sie es nur angedeutet. Jedenfalls wusstest du, was zu tun war: Du musstest einen Menschen in Brand stecken. Keinen arischen Mitbürger mit blonden Haaren und blauen Augen. Einen Dunkelhäutigen.“ Andi rückte noch näher an Pyro heran und flüsterte ihm scharf ins Ohr: „Einen Nigger.“
Der junge Skin riss die Augen auf und ließ die Kinnlade herabfallen. In seiner Miene stand der Schreck einer plötzlichen, furchtbaren Erkenntnis, als hätte er ein Paket mit einer tickenden Zeitbombe geöffnet, die nur noch zehn Sekunden bis zur Detonation anzeigte.
„D-du … b-bist …“
Andi griff mit beiden Händen ans untere Ende der Sturmhaube und zog sie sich langsam vom Kopf. Als Pyro das vertraute Gesicht sah, das ihm zuletzt vor einem Monat im Gerichtssaal begegnet war, schien er im Stuhl zu schrumpfen. Er krümmte sich zusammen und zitterte am ganzen Leib wie ein Köter, der die Prügel seines Lebens erwartete.
Andi zeigte ihm wieder sein breites Hier-ist-Johnny-Grinsen. „Freust du dich, mich wiederzusehen, Pyro?“
Der schmächtige Skin, der endlich begriffen hatte, worum es hier ging, brach in Tränen aus. „Nein, nein, nein … das war ich nicht … das schwöre ich!“ Seine Stimme klang wie das Quieken eines Mastschweins, das zur Schlachtbank gezerrt wird.
 „Ja, ich weiß“, sagte Andi und nickte. „Auf deine Unschuld hast du auch schon vor Gericht Stein und Bein geschworen. Und bist damit durchgekommen.“ Er biss so fest die Zähne aufeinander, dass ein trockenes Knirschen zu hören war. „Beim Schriftvergleich wurdest du eindeutig als der Schmierfink identifiziert, der eine Woche zuvor das Graffiti an die Grundschule meiner Tochter gesprüht hat!“ Andi packte Pyro an der Kehle. „Weißt du noch, was du in riesigen roten Buchstaben an die Mauer geschrieben hast? Erinnerst du dich, du mieser, kleiner Wichser?
Pyro verdrehte keuchend die Augen. Kurz bevor er schlapp machte, ließ Andi ihn los, worauf der Skin hustend nach Luft rang.
„‚Kanaken sollen brennen!‘“, sagte Andi und rümpfte die Nase, als sei ihm ein übler Gestank entgegengeschlagen. „Das war deine Botschaft.“
Er machte einen Schritt zurück und betrachtete abfällig das gefesselte Häufchen Elend. „‘Kanaken‘ hast du falsch geschrieben, aber das haben deine Nazi-Freunde bestimmt nicht bemerkt. Die meisten dieser Typen haben noch nie ein Buch gelesen und können kaum ihren eigenen Namen schreiben. Außerdem kam es nur auf die Botschaft an, und die hat diese rechtsradikalen Schwachköpfe sicher umgehauen.“
Andi verschränkte die Hände auf dem Rücken und stolzierte auf und ab wie ein Staatsanwalt beim Abschlussplädoyer.
„Aber das Graffiti allein reichte natürlich nicht“, fuhr er fort. „Das war nur ein Versprechen. Du musstest die Botschaft in die Tat umsetzen, damit sie dich aufnahmen, beschützten und vielleicht sogar verehrten.“ Er sah Pyro wieder an und zeigte mit dem Finger auf ihn. „Genau das hast du eine Woche später getan, stimmt’s?“
„Nein, das war ich nicht, ehrlich …“ Pyro schüttelte so heftig den Kopf, dass seine Halswirbel knackten, und seine Stimme war kaum mehr als ein heiseres Krächzen.
„So hast du auch im Gerichtssaal rumgeheult“, sagte Andi und stieß ein knurrendes Lachen aus. „Der fette Richter hat dir kein Wort geglaubt, das war ihm deutlich anzusehen. Ebenso wenig der Staatsanwalt. Nicht mal dein Pflichtverteidiger hat dir dieses Theater abgekauft. Jeder wusste, dass du schuldig bist.“ Andi presste wieder nachdenklich den Zeigefinger ans Kinn. „Das Problem war, es gab nur Indizien, keine Beweise.“
Er blieb stehen und sah Pyro fest in die Augen. „In jener Nacht hab ich ihre Schreie gehört …“ Seine Stimme klang plötzlich wieder ruhig, einem Flüstern nah. „Als sie verbrannte, da hab ich sie schreien gehört … ich hab …“ Andi unterbrach sich und rang um Fassung. „Ich hab … die Hitze durch die geschlossene Tür gespürt … hab gerochen, wie sie verbrannte …“ Er zog die schwarzen Handschuhe aus und hielt Pyro die nackten Hände hin. Sie waren bis hinauf zum Ellbogen mit Brandnarben bedeckt. „Ich wollte sie retten … “
Ein Schauder glitt durch Andis Leib. Er rieb sich die Augen und richtete den Blick dann wieder auf Pyro. „Du warst es. Doch man hat dich laufen lassen.“ Andi schüttelte mit einem traurigen Grinsen den Kopf. „In dubio pro reo, so nennen das diese blasierten Robenträger.“
Pyro öffnete den Mund, um abermals seine Unschuld zu beteuern, doch schloss ihn wieder, als Andi den Schraubenschlüssel aufhob und ihn wie einen Baseballschläger in den Händen drehte.
„Weißt du, woran unsere Gesellschaft krankt, Pyro?“
Der Skin schüttelte beinah unmerklich den Kopf.
„An unserem milden Rechtssystem“, beantwortete Andi seine eigene Frage. „Ein echtes Problem, wenn du mich fragst.“
Er legte den Schraubenschlüssel über die Schulter wie ein Holzfäller seine Axt. „Du warst schon ein Brandstifter, als du noch in die Hose geschissen hast, und machst keinen Hehl daraus, dass du gern mal einen Menschen abfackeln würdest, der nicht der arischen Rasse angehört. Jemanden wie meine Tochter.“
Pyro senkte den Blick. „Das Graffiti war von mir …“, gestand er so kleinlaut wie vor zwei Monaten im Gerichtssaal, nachdem der forensische Beweis vorlag. „Aber … ich hätte doch nie wirklich …“
„Schon klar, du bist so unschuldig wie der Honigtopf einer Jungfrau“, unterbrach Andi sein Gestammel. „Das Graffiti war nur der Hilfeschrei eines verzweifelten Eigenbrötlers, wie dein Verteidiger es ausdrückte. Und deine Nazi-Freunde haben dir natürlich ein Alibi verschafft.“ Andi schüttelte mit einem wütenden Grinsen den Kopf. „Wer kann schon beweisen, dass du den Molotow-Cocktail geworfen hast?“ Andi ließ den Schraubenschlüssel sinken und zuckte mit den Schultern. „In dubio pro reo.
Pyros Gesicht entspannte sich, als schöpfte er plötzlich Hoffnung, doch noch lebend aus dieser Lagerhalle herauszukommen. Doch dann schrie Andi:
ICH SCHEISSE AUF IN DUBIO PRO REO!“
Vor Schreck kippte Pyro mit dem Stuhl nach hinten, als hätte die Schallwelle ihn umgehauen. Scheppernd schlug die metallene Rückenlehne auf dem Beton auf.
Andi warf einen zweiten Blick auf seine Armbanduhr. „Oh, kurz vor zwölf“, sagte er und verschwand für einen Augenblick in der Dunkelheit. Als er wieder ins Licht trat, hielt er statt des Schraubenschlüssels einen schwarzen Kanister in der Hand und zeigte Pyro wieder sein zähnefletschendes Hier-kommt-Johnny-Grinsen.
 „Was meinst du“, sagte er und schraubte den Deckel vom Kanister. „Wollen wir das neue Jahrtausend begrüßen und ein kleines Feuer anzünden?“
Pyro begriff und wand sich am Boden wie in einem epileptischen Anfall. „Oh, mein Gott, nein, nein, NEIN!
Andi stellte sich mit dem Kanister breitbeinig über ihn. „Weißt du, diese ganzen Werkzeuge da drüben …“ Er nickte zur Werkbank hinüber, ohne hinzusehen. „Die wollte ich eigentlich benutzen. Und zwar alle. Ich wollte dir mit einem Vorschlaghammer die Zehen zermalmen, einen Finger nach dem anderen absägen, mit einem Nagel die Augen ausstechen und zum krönenden Abschluss deine Eier im Schraubstock zerquetschen. Ehrlich, das war der Plan.“ Andi hielt inne und stieß einen langen Seufzer aus. „Aber dann dachte ich, meine Tochter hätte das nicht gewollt. Gina hat mir selten etwas vergeben. Aber sie hatte ein Gespür für das richtige Strafmaß, verstehst du?
Wenn ich sie zu spät von der Schule abgeholt habe, verlangte sie, dass ich ihr als Wiedergutmachung ein Eis kaufe. Hatte ich vergessen, ihre Lieblingssendung im Fernsehen aufzunehmen, dann musste ich ihr erlauben, am Wochenende bei ihrer besten Freundin zu übernachten. Einmal habe ich doch tatsächlich verschwitzt, sie vom Tennistraining abzuholen, und sie musste drei Kilometer weit durch den Regen nach Hause laufen.“ Andi biss sich auf die Unterlippe. „Das war übel. Als Entschädigung forderte sie einen Ausflug zum Phantasialand, und das war nur fair.“ Andi lächelte flüchtig. „Sie fand immer eine angemessene Bestrafung für meine Fehltritte. Und ehrlich gesagt, gefällt mir so eine ausgleichende Gerechtigkeit um Längen besser als blinde Vergebung. Es ist …“ Andi blickte zur Decke, als er nach dem richtigen Wort suchte. „… befriedigender.“
Dann sah er wieder zu Pyro herab, der seinen Blick mit starren Augen erwiderte, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. 
„Gina hätte nicht gewollt, dass ich dich zu Tode foltere“, sagte Andi. „Aber ausgleichende Gerechtigkeit hätte sie gut gefunden. Wenn ich dir dieselben Schmerzen zufüge, die du ihr zugefügt hast … dich auf dieselbe grauenvolle Weise umbringe wie du sie umgebracht hast …“ Andi schürzte die Lippen und nickte. „Ja, ich denke, damit wäre sie einverstanden gewesen.“
Andi kippte den Kanister.
„Nein, nein, nein, WARTE!“
Pyros Protest verwandelte sich in ein Gurgeln, als er das Benzin in den Mund bekam, das Andi über sein Gesicht schüttete. Der Skin kniff die Augen zu, würgte und spuckte. Andi ging einen Schritt zurück und tränkte Pyros Unterhemd und anschließend seine verblasste Blue Jeans mit Benzin. Ein beißender Geruch verbreitete sich in der Lagerhalle. 
Das kannst du nicht machen!“, schrie Pyro spuckend und mit zusammengekniffenen Augen. „Du bist Polizist! Ein verdammter BULLE!“
Andi ging anderthalb Meter auf Abstand und zog aus der Gesäßtasche das rote Zippo, das er zuvor in Pyros grauer Bomberjacke gefunden hatte. Zweifellos sein Juwel, mit dem er auch den Molotow-Cocktail entzündet hatte.
„Bulle war ich mal“, sagte Andi. „Jetzt bin ich ein Brandstifter, so wie du. Aber weißt du, was der Unterschied zwischen uns beiden ist?“ Andi hob die Augenbrauen. „Ich stehe zu meiner Schuld.“
Pyro fauchte und warf den Kopf hin und her, als hätte er einen schrecklichen Albtraum.
Das ist kein Traum, Kumpel, dachte Andi, schnippte mit dem Daumen die Feuerzeugklappe auf und entzündete mit dem Reibrad die Flamme. Das hier passiert wirklich.
Ein erneuter Blick auf die Armbanduhr verriet ihm, dass es Punkt Mitternacht war.
„Zeit für das Millennium-Feuerwerk!“, rief er feierlich. „Frohes neues Jahrtausend!“
Ein letztes Mal verzog Andi das Gesicht zum hässlichsten Hier-kommt-Johnny-Grinsen, das er zustande brachte, und warf das brennende Zippo auf den gefesselten, kleinen Bastard.
Als die Flamme das Benzin berührte, gab es eine gewaltige Stichflamme – Fummm –, die fast bis zur Decke reichte.
Pyro ging so lichterloh in Flammen auf wie trockener Zunder und wand sich als lebendige Fackel kreischend auf dem Stuhl. Wenige Augenblicke später mischte sich in den Benzingeruch der Gestank verkohlten Fleisches, als hätte jemand ein Dutzend Steaks anbrennen lassen. Der Gestank trieb Andi Tränen in die Augen.
Schmore, du Dreckschwein!
Die Tränen kamen hervor und liefen an Andis Wangen hinab, während Pyros Geschrei allmählich nachließ und kurz darauf verstummte.

Schmore und fahr zur Hölle!